Interview Susanne Marx, G.I.B.

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Foto: Susanne Marx, G.I.B.-Beraterin
Interview

Kompetenzfeststellung und berufliche Orientierung mit dem TalentKompass NRW

Interview mit G.I.B.-Beraterin Susanne Marx - Arbeiten mit dem TalentKompass NRW

Die Beraterin bei der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.), Susanne Marx, hat den TalentKompass NRW mit entwickelt. Sie leitet Fortbildungsveranstaltungen zum Einsatz des Instrumentes in der praktischen Beratungsarbeit. Im Interview erläutert die G.I.B.-Beraterin Grundlagen, Einsatzmöglichkeiten sowie Aufbau und Wirkungsweise des Instruments.

ARBEIT.NRW:

Frau Marx, Sie haben gemeinsam mit anderen Expertinnen und Experten des NRW-Arbeitsministeriums und der G.I.B. den TalentKompass NRW weiterentwickelt. Was war der Anlass, was sind seine theoretischen Grundlagen?

Susanne Marx:

Das Grundkonzept des TalentKompass NRW beruht auf dem von Richard N. Bolles in den USA entwickelten Berufs- und Lebensplanungsverfahren, dem Life/Work Planning (L/WP). Das Verfahren ist eine unkonventionelle Methode der Arbeitssuche und verhilft auf neuen Wegen Arbeitsuchenden zu einem neuen Job. Im L/WP-Verfahren steht die suchende Person mit ihren vielfältigen Kompetenzen und ihrer Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt.

Das L/WP-Verfahren in Kursen genauer kennen zu lernen ist jedoch zeitaufwändig und je nach Anbieter nicht ganz billig. Wir aber wollten Idee und Konzept des Verfahrens der beruflichen (Neu-) Orientierung um weitere Instrumente aus der Motivationstheorie und dem lösungsorientierten Coaching anreichern und einer größeren Gruppe von Menschen zugänglich machen. Aus dieser Idee ist der Ordner „TalentKompass NRW“ entstanden, ein biografiegestütztes Kompetenzfeststellungsverfahren, das sich gravierend von EDV-gestützten Testverfahren unterscheidet, an deren Ende Nutzerinnen und Nutzer oft fragen: Und was hat das jetzt mit mir zu tun?

ARBEIT.NRW:

Der TalentKompass NRW führt in fünf Schritten von der eigenen Kompetenzfeststellung bis hin zum konkreten Plan, wie sich die beruflichen Ziele erreichen lassen. Was sind die wesentlichen Elemente dieser fünf Phasen?

Susanne Marx:

Die beiden ersten Schritte, von uns mit den Begriffen „Kraftfelder“ und „Magnetfelder“ betitelt, dienen der Selbsterkundung. Hier stellen sich, vereinfacht dargestellt, die Fragen: Was sind meine Fähigkeiten = Kraftpotentiale? Und: Wo zieht es mich hin? Bei den Kraftfeldern stehen die Eigenschaften, das Tun, das Wissen, also individuelle Merkmale der Nutzerinnen und Nutzer im Zentrum. Bei den Magnetfeldern wendet sich der Blick nach außen, in die Berufswelt, aber nicht verbunden mit der Frage: Was erwarten Arbeitgeber und Arbeitsmarkt von mir, sondern: Wie muss ein Arbeitsplatz aussehen, damit er zu meinen Persönlichkeitsmerkmalen passt und meine Kriterien für einen guten Arbeitsplatz erfüllt?

Im dritten Schritt werden Kraft- und Magnetfelder zusammen betrachtet und zu einem persönlichen Kompass zusammengefügt. Er bietet Orientierung für den nun anstehenden vierten Schritt: die Erkundung. Hier kombiniere ich meine Potenziale und entwickle damit Ideen für meine berufliche Zukunft. Diese überprüfe ich – aber erst hier! – in der beruflichen Wirklichkeit. In der Erkundungsphase sind Phantasie und Visionen erwünscht. Hier stellt sich die Frage: Wo spiegeln sich meine individuellen Kriterien in der Berufswelt? Wer zum Beispiel Lust und Freude an der Natur verspürt und zugleich gerne andere Menschen berät, erkennt vielleicht, dass diese beiden Ausprägungen auf der objektiven Seite, in der Berufswelt, etwa in einem Gartencenter, im Garten- und Landschaftsbau oder bei der Landwirtschaftskammer zusammenkommen könnten.

Konkretisiert sich eine Idee, dann besorgt sich die Person Informationen über das Berufsfeld. Informationslieferanten können zum Beispiel Verwandte oder Bekannte sein, die in dem Bereich arbeiten oder gearbeitet haben, aber auch das Internet oder ein Besuch der „Grünen Woche“ in Berlin. Das heißt: In diesem Schritt werden Ideen und spontane Lust durch handfeste Informationen etwa zu den Themen „Arbeitszeit“ und „Einkommen“ ergänzt, um herauszufinden, ob die ausgesuchte berufliche Betätigung wirklich zu mir passt.

Neben der Informationsbeschaffung hat die Erkundungsphase noch einen zweiten Effekt: Wer mit Menschen spricht, stellt Kontakte her, schafft Netzwerke, und daraus wiederum ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Stellensuche. Viele Stellen werden über Beziehungen und Netzwerke vergeben. Vorteil des Talentkompass NRW: Er ersetzt den Zufall bei der Netzwerkbildung durch Systematik. Nicht selten erhalten Nutzerinnen und Nutzer des TalentKompass NRW schon beim Erkunden ein Stellenangebot, weil sie bei der Recherche in einem attraktiven Betätigungsfeld einen überzeugenden Eindruck hinterlassen.

Doch der TalentKompass NRW belässt es nicht bei der Erkundung, sondern im fünften Schritt – „Losgehen“ betitelt – formulieren Nutzerinnen und Nutzer ihr konkretes berufliches Ziel und entwickeln einen Plan für die Umsetzung. Das kann zunächst eine Qualifizierung oder ein Praktikum sein oder direkt die Suche eines geeigneten Betriebs oder einer geeigneten Behörde. Hier geht es darum, Informationen über den potenziellen Arbeitgeber einzuholen und im Kontakt mit Entscheidern herauszufinden, ob die eigenen Fähigkeiten, Werte und Interessen und die gewünschten beruflichen Rahmenbedingungen speziell in diesem Betrieb oder dieser Behörde tatsächlich zur Geltung kommen können.

ARBEIT.NRW:

Seine größte Wirkung, sagen Sie, entfaltet der TalentKompass NRW für die Nutzerinnen und Nutzer durch eine Kombination von Eigenarbeit und Reflexion in einem Beratungsprozess. Warum sind Gespräche und Diskussionen mit anderen so wichtig?

Susanne Marx:

Nein, keine Diskussionen! Es geht nicht um richtig oder falsch. Alles, was ich für mich beim TalentKompass NRW erarbeite, ist richtig! Vielmehr geht es um die Erarbeitung zusätzlicher Ideen und Informationen in einer wohlwollenden, wertschätzenden Atmosphäre mit anderen. Allein die Zusammenarbeit und dabei von anderen positiv reflektiert zu werden, ist ein Erfolgserlebnis. Der Blick von außen, nicht im Sinne eines „Ich weiß es besser als du“, sondern „Mir ist noch zusätzlich etwas eingefallen“, erweitert das Spektrum, stärkt Selbstvertrauen, Selbstsicherheit, Zuversicht und vor allem die Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Menschen. Selbstwirksamkeitsüberzeugung aktiviert und motiviert, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Rückschläge wegzustecken und dranzubleiben, weil man an den Erfolg glaubt. Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist der Schlüssel zum Erfolg!

ARBEIT.NRW:

An wen wendet sich der der TalentKompass NRW, für welche Personengruppen ist er geeignet?

Susanne Marx:

Für alle, die sich – erstmals oder neu – beruflich orientieren wollen, also für Schülerinnen und Schüler in den Abgangsklassen genauso wie für Wiedereinsteigerinnen, Arbeitslose oder Beschäftigte.

Eingesetzt wird der TalentKompass NRW zunehmend nicht nur in Maßnahmen der Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger sowie in Transfergesellschaften, sondern auch in einigen Jobcentern. Geeignet ist der TalentKompass aber auch als Instrument der Potentialanalyse, also im Regelsystem beim Übergang von der Schule in den Beruf.

Weiterer Vorteil des TalentKompass NRW: Er ist für alle Qualifikationsstufen geeignet. Bei arbeitsmarktfernen Personen dient er der Ressourcenaktivierung. Sie erkennen bei der Arbeit mit dem Instrument, dass sie etwas zu bieten haben, etwas wert sind und dass sie etwas schaffen können. So entsteht Selbstwirksamkeitsüberzeugung, ein ganz zentraler Begriff! Denn nur Menschen, die das Gefühl haben, etwas bewirken und mitgestalten zu können, bringen die Kraft und Motivation auf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich selbst auch einen Job zu suchen. Aber auch für Akademiker ist das Instrument geeignet. Wir kooperieren dazu beispielsweise mit dem Career Service der Universität Bielefeld. Hier haben wir festgestellt, dass es Akademikerinnen und Akademikern meist leichter fällt, ihre Interessen, Eigenschaften und Werte herauszuarbeiten. Schwerer tun sie sich bei der Frage: Wo will ich beruflich eigentlich hin?

Insgesamt jedenfalls stößt der TalentKompass NRW auf große Resonanz. Bereits im ersten Jahr haben wir über 12.000 Exemplare verschickt. Nicht weniger nachgefragt sind die einschlägigen Fortbildungsveranstaltungen der G.I.B. zu dem Thema.

ARBEIT.NRW:

An wen richten sich die Fortbildungsveranstaltungen der G.I.B.?

Susanne Marx:

Die G.I.B. bietet eine 3,5-tägige Grundlagenfortbildung an für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die professionell mit Menschen arbeiten, die sich beruflich (neu) orientieren, also für Beschäftigte etwa in Jobcentern, Arbeitslosenzentren, Erwerbslosenberatungsstellen oder in Einrichtungen der Beratung zur beruflichen Entwicklung, aber auch für professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rahmen der Landesinitiative Jugend in Arbeit plus oder in Transfergesellschaften. Während dieser Fortbildungen arbeiten die Teilnehmenden mit dem TalentKompass hinsichtlich ihrer eigenen Person so, wie später auch ihre eigenen Kunden. Zugleich lernen sie aber auch, die Nutzung des TalentKompass auf ihre spezielle Beratungssituation auszurichten, denn wenn es zum Beispiel um das Erkunden der eigenen Fähigkeiten und Interessen geht, gibt es ganz unterschiedliche Vorgehensweisen, vom Geschichten schreiben über Ressourcenkarten bis hin zum Rollenspiel. Welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt selbstverständlich auch von den jeweiligen Kunden ab.

Zusätzlich bieten wir einen zweitägigen Methodenworkshop an, in dem es nicht nur um den TalentKompass, sondern allgemein um Methoden für die Berufsorientierung geht. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass Menschen, die lange in dequalifizierenden Lebenszusammenhängen gelebt und gearbeitet haben, ihre Ressourcen kaum mehr wahrnehmen können. In dieser Situation kommt es darauf an, zunächst erst mal wieder die Kreativität zu aktivieren und den Horizont zu weiten für einen angemessenen Blick auf die verborgenen Ressourcen, quasi als Vorbereitung auf die Arbeit mit dem TalentKompass.

Weiterer Gegenstand des Workshops ist etwa die kleinschrittige Organisation der konkreten Arbeitssuche am Ende der Auseinandersetzung mit dem TalentKompass als eine Methode des Projektmanagements und zugleich als eine Erweiterung des Werkzeugkoffers. Teilnehmende werten die Fortbildungen nach eigenem Bekunden als sehr hilfreich für ihre praktische Arbeit.

ARBEIT.NRW:

Können auch Unternehmen den Talentkompass NRW für ihre Personalarbeit nutzen?

Susanne Marx:

Auf jeden Fall! Immer mehr Menschen – Stichwort „Generation Y (Why)“ – haben eine Einstellung zur Arbeit, die sich von früheren, allein auf Karriere und Verdienst ausgerichteten Einstellungen fundamental unterscheidet. Immer mehr Menschen wollen eine sinnvolle Arbeit, eine Arbeit, die zu ihnen passt. Parallel dazu ändert sich die Führungskultur in den Unternehmen. Immer mehr Personalmanager erkennen, dass es nicht mehr genügt, zu kontrollieren und zu belohnen, sondern dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Frei- und Gestaltungsspielräume geben müssen, dass sie Menschen ins Unternehmen holen müssen, die aus Überzeugung speziell dort anfangen wollen. Auch bei Arbeitsplatzbeschreibungen, bei der Stellenbesetzung oder in Traineeprogrammen kann der TalentKompass NRW eine wichtige Rolle spielen.

ARBEIT.NRW:

Wie geht es weiter und welche Rolle übernimmt dabei die G.I.B.?

Susanne Marx:

Die G.I.B. beteiligt sich an einer ständigen Arbeitsgruppe zum Thema Kompetenzbilanzierung und Kompetenzentwicklung als Querschnittsthema im Arbeitsministerium des Landes NRW. Wir widmen uns der Frage: Welche Bedeutung hat ein verändertes Verständnis von Arbeits- und Berufsorientierung für die Arbeitsmarktpolitik, aber auch etwa für die Beratungskonzepte etwa der Jobcenter. Hier gibt es noch einiges zu entwickeln und zu tun.

Auch die Instrumenten-Ebene ist mit dem Talentkompass NRW nicht abschließend bedient. Die Diskussionen mit Praktikerinnen und Praktikern, die den Talentkompass einsetzen, machen deutlich, dass die biografiegestützte Kompetenzbilanzierung und -entwicklung  mit dem Talentkompass, wie er zur Zeit vorliegt, noch nicht für alle Bedarfe hinreichend durchgeführt werden kann. Besondere Zielgruppen, wie etwa sozial benachteiligte Menschen oder Zuwanderer aus Südosteuropa, benötigen besondere Unterstützung. Auch für Menschen mit ausländischen Berufsqualifikationen können zusätzliche, ergänzende Elemente nützlich sein. Hier gibt es Überlegungen, rund um den Talentkompass einen Koffer mit verschiedenen Instrumenten zum Einsatz mit besonderen Zielgruppen oder in besonderen Settings zu entwickeln. Wir sind mit dem Talentkompass NRW also auf einem guten Weg und noch nicht am Ziel.