Interview Albert Schepers, G.I.B.

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Interview

Produktionsschule.NRW als Baustein im Landesvorhaben "Kein Abschluss ohne Anschluss"

Ein Modell wird Landesprogramm - Interview mit G.I.B.-Berater Albert Schepers

Das ESF-geförderte Instrument Produktionsschule.NRW wird von der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) fachlich begleitet. G.I.B.-Berater Albert Schepers erläutert im Interview Konzept und Umsetzung.

ARBEIT.NRW:

Herr Schepers, das Landesprogramm „Produktionsschule.NRW“ startete im Sommer 2013. Wie viele Produktionsschulen gibt es mittlerweile in Nordrhein-Westfalen und wie sieht die Entwicklung im Vergleich mit anderen Bundesländern aus?

Albert Schepers:

Nach der Pilotphase in ausgewählten Arbeitsmarktregionen ist die Zahl der Produktionsschulen 2014 rasant gewachsen. Mittlerweile zählen wir landesweit rund 1.650 Teilnehmerplätze bei 56 Trägern bzw. Trägerverbünden in 43 der insgesamt 53 Gebietskörperschaften in NRW. Wir gehen davon aus, dass ab Sommer dieses Jahres Produktionsschulen flächendeckend in allen Landkreisen und kreisfreien Städten eingerichtet sein werden.

Bei den anderen Bundesländern zeigt sich ein starkes Nord-Süd-Gefälle. In den nördlichen und östlichen Bundesländern sind Produktionsschulen relativ weit verbreitet, während sie in Süddeutschland nur vereinzelt zu finden sind. Entsprechende Landesprogramme gibt es in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg, dort bewegt sich die Zahl der Plätze jeweils im dreistelligen Bereich. Damit ist Nordrhein-Westfalen hinsichtlich der quantitativen Dimension inzwischen bundesweit führend.

Bei den anderen Bundesländern zeigt sich ein starkes Nord-Süd-Gefälle.

ARBEIT.NRW:

Wie sind die nordrhein-westfälischen Produktionsschulen in das neu gestaltete Übergangssystem „Schule-Beruf“ eingebunden? Welche Funktion übernehmen sie dort?

Albert Schepers:

Das Programm „Produktionsschule.NRW“ ist ein wichtiger Baustein im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Dabei ist der Begriff Produktionsschule ein wenig irreführend, weil er suggeriert, es handele sich um ein schulisches Angebot. Faktisch aber sind Produktionsschulen ein außerschulisches, niedrigschwelliges Angebot der Berufsvorbereitung für sehr arbeitsmarktferne Jugendliche mit umfangreicherem Förderbedarf, die eine allgemeinbildende Schule häufig ohne Abschluss verlassen haben. Um beruflich einen Einstieg zu finden, brauchen sie einen anderen Lernort als Schule. Für sie sind Produktionsschulen gut geeignet. Vorrangiges Ziel von Produktionsschulen ist, diesen Jugendlichen doch noch zur Ausbildungsreife zu verhelfen und sie in eine Ausbildung oder, wo dies unrealistisch ist, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das kann auch über Zwischenschritte geschehen, indem Produktionsschulen die Schlüsselqualifikationen der Jugendlichen stärken und sie motivieren, im Anschluss etwa den Hauptschulabschluss nach zu holen und später in eine duale Ausbildung zu wechseln. Primärziel aber ist die direkte Integration in Ausbildung oder Arbeitsmarkt.

ARBEIT.NRW:

Wie müssen die Zugangsmodalitäten gestaltet sein, damit die Integration in Ausbildung oder Arbeit tatsächlich gelingt?

Albert Schepers:

Sie wird am ehesten gelingen, wenn die Jugendlichen freiwillig in der Produktionsschule tätig und nicht zwangszugewiesen sind. In Düsseldorf hat man in Kooperation mit dem dortigen Jobcenter eine interessante Lösung gefunden. Hier können Jugendliche vor einer endgültigen Entscheidung zunächst eine vierwöchige Probephase durchlaufen. Das kann ebenso motivierend wirken wie ein Produktionsschulgeld, also eine leistungsbezogene, überschaubare Prämie in Höhe von etwa 100 € pro Monat in Abhängigkeit von Arbeitseinsatz und Lernfortschritten. Damit hat man in anderen Bundesländern sehr gute Erfahrungen gemacht, aber in NRW gibt es dabei fördertechnische Hürden. Immerhin organisieren Bildungsträger hier mitunter Belohnungssysteme im nichtmonetären Bereich, wie zum Beispiel Vergünstigungen bei Fortbildungs- oder Freizeitangeboten für engagierte Jugendliche.

ARBEIT.NRW:

Zentrales Merkmal von Produktionsschulen ist die Kombination von beruflichem Lernen und praktischer Arbeit. Wie sieht diese Verbindung konkret in der Praxis aus?

Albert Schepers:

Beim produktionsorientierten Ansatz der Produktionsschulen geht es in der Tat immer darum, berufliches Lernen mit praktischer Tätigkeit zu verknüpfen - und zwar für einen echten Kunden. Das ist das Besondere an diesem Ansatz. Alles, was der oder die Jugendliche praktisch herstellt oder an Dienstleistungen erbringt, hat immer auch einen Abnehmer am Markt. Das verleiht der Tätigkeit einen besonderen Sinn. Jugendliche können sich also immer sagen: Das, was ich hier mache, wird auch gebraucht! Der spezifisch produktionsschulpädagogische Ansatz mit der ihm eigenen Didaktik lässt sich am Beispiel der Produktionsschule in Schwerte veranschaulichen. Sie betreibt für einkommensschwache, bedürftige Personen eine „Tafel“. Die hier ausgegebenen Mahlzeiten werden von den Jugendlichen unter Anleitung zubereitet. Dabei müssen sie beispielsweise die Rezepte mit ihren genauen Mengenangaben für die einzelnen Zutaten beachten und erlernen bei dieser Tätigkeit zugleich das Prozent- oder Bruchrechnen. Dieses pädagogische Konzept des theoretischen Lernens in der Praxis wird auch vom Bundesverband Produktionsschulen, dem sich die meisten Produktionsschulen angeschlossen haben, sehr nachdrücklich vertreten. Er hat ein Qualitätssiegel eingeführt mit einem recht aufwändigen Zertifizierungsprozess, den zu durchlaufen für Produktionsschulen durchaus empfehlenswert ist.

ARBEIT.NRW:

Braucht das Personal von Produktionsschulen für diese Kombination aus theoretischem Lernen und produktiver Praxis eine besondere Qualifikation?

Albert Schepers:

Das Produktionsschulkonzept setzt beim Personal eine so genannte werkpädagogische Qualifikation voraus. Das heißt: Anleiterinnen und Anleiter sollten nach Möglichkeit die Qualifikation zur fachlichen Anleitung sowie sozialpädagogische Qualifikationen in einer Person verbinden. Das ist kein fest umrissenes Berufsbild, aber es gibt Zusatzqualifikationen, die Interessierte über Bildungsangebote des Bundesverbands Produktionsschulen oder der Landesjugendämter erwerben können. Der Erfolg von Produktionsschulen wird vermutlich auch stark davon abhängen, inwieweit es Trägern gelingt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen oder zu qualifizieren, die beide Komponenten, also die fachliche Anleitung wie auch die sozialpädagogischen Aufgaben, in Personalunion übernehmen.

ARBEIT.NRW:

In welchen Geschäftsfeldern sind Produktionsschulen in Nordrhein-Westfalen aktiv?

Albert Schepers:

Das Spektrum der Geschäftsfelder ist breit gestreut, wobei Produktionsschulen sich auf gemeinnützige, zusätzliche Produkte und Dienstleistungen konzentrieren. Dazu suchen sie Marktnischen, um Konkurrenz mit der gewerblichen Wirtschaft zu vermeiden. In NRW, aber auch in anderen Bundesländern, orientieren sie sich häufig an bestehenden Berufsfeldern und haben sich entsprechend spezialisiert. Die Produktionsschule in Bielefeld etwa betreibt in Anlehnung an das Berufsfeld „Hotel- und Gaststättengewerbe“ ein „Heu-Hotel“ für Schulklassen und stellt landwirtschaftliche Produkte wie Obstsäfte, Honig und Brennholz her. Die bereits erwähnte Schwerter Tafel hat sich auf Lebensmittelgastronomie spezialisiert. Im Kreis Unna hat eine Produktionsschule in ihrer Metallwerkstatt in Kooperation mit der kommunalen Verwaltung und örtlichen Vereinen Parkbänke für öffentliche Wanderwege gebaut und in Hamm werden in der Holzwerkstatt Produkte für Schulen und Kitas hergestellt. Dabei hat sie die gesamte Produktionskette didaktisch aufbereitet: von der Auftragsannahme über die Auftragsplanung bis hin zum Aufstellen der Produkte. Das heißt: Die Jugendlichen lernen das komplette Geschäftsfeld und seine Arbeitsprozesse kennen.

ARBEIT.NRW:

Welche Bedeutung haben Kooperationen und die Vernetzung mit anderen Akteuren oder Partnern auf örtlicher Ebene?

Albert Schepers:

Kooperationen und Netzwerke sind für Produktionsschulen unabdingbar. Weil viele der Jugendlichen aufgrund ihres Alters noch der Berufsschulpflicht unterliegen, müssen Produktionsschulen mit den Berufskollegs gemeinsam abstimmen, welche Inhalte an welchem der beiden Lernorte vermittelt werden. Unverzichtbar ist zudem die Kooperation mit der regionalen Wirtschaft, um festlegen zu können, welche Produkte und Dienstleistungen unbedenklich sind, also keine wirtschaftliche Konkurrenz erzeugen. Es gibt noch einen zweiten Grund für die Kooperation mit der Wirtschaft: Jugendliche in Produktionsschulen sollen auch betriebliche Realerfahrungen sammeln, also Praktika absolvieren. Um genügend Praktikumsplätze akquirieren zu können, sind Produktionsschulen auf gute Kontakte zur Wirtschaft angewiesen. Etablierte und gut in regionalen Wirtschafts- und Arbeitsmarktstrukturen vernetzte Träger haben damit keine Probleme. Bei der Bewilligung von Förderanträgen ist deren regionale Vernetzung deshalb auch ein wesentliches Kriterium.

ARBEIT.NRW:

Einerseits sollen Produktionsschulen nicht in Konkurrenz stehen zur örtlichen Wirtschaft, andererseits sollen ihre Berufsfelder arbeitsmarktrelevant sein - ist das nicht ein Widerspruch?

Albert Schepers:

Ein Widerspruch ist es nicht, aber beides gleichzeitig zu realisieren ist nicht immer einfach. Deswegen auch häufig die Konzentration auf Nischen, die von der gewerblichen Wirtschaft nicht abgedeckt werden. Wie genau das gelingen wird, werden wir beobachten. Interessant ist beispielsweise ein Blick auf Mecklenburg-Vorpommern. Dort gibt es in einer Küstenstadt eine Produktionsschule, die mit einem eigenen Kutter Fischfang betreibt, bei der Vermarktung aber eng mit einem regulären Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft zusammenarbeitet. Solche Konstellationen könnten auch für Produktionsschulen in NRW inspirierend sein.

ARBEIT.NRW:

Wie geht es weiter?

Albert Schepers:

In einem durch das Arbeitsministerium in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit initiierten Bedarfsermittlungsverfahren wurde Anfang 2015 landesweit ein Bedarf an 2.800 Plätzen ermittelt. Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Produktionsschuljahr 2014/2015. In Abstimmung mit der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit sowie dem Jugend- und dem Schulministerium hat das Arbeitsministerium Anfang März 2015 einen Programmaufruf Produktionsschule.NRW 2015/16 gestartet, in dem interessierte Träger ihre Konzepte einreichen konnten. Unter diesen eingereichten Konzepten trifft das Arbeitsministerium eine Auswahl, die den jeweiligen Kofinanziers Agentur für Arbeit, Jobcenter und Jugendämtern zur Kofinanzierung vorgeschlagen wird und die einen Förderantrag auf die Landes-/ESF-Mittel bei der Bewilligungsbehörde stellen können. Träger mit Bewilligungsbescheid können also Anfang September starten. Wichtig dabei: Die Auswahl der Träger erfolgt nach qualitativen Kriterien. Nicht der billigste Bieter bekommt den Zuschlag, sondern der mit dem besten Konzept. Gleichzeitig sieht die Logik des Produktionsschulansatzes eine Verstetigung vor, nicht im Sinne einer institutionellen Förderung, sondern in Abhängigkeit von qualitativen Ergebnissen und guter regionaler Vernetzung. Beispiele aus anderen Bundesländern zeigen, dass Produktionsschulen mit ihrem verlässlichen Angebot bekannt und anerkannt sind in der örtlichen Wirtschaft wie auch bei den zuweisenden Stellen, also den Arbeitsagenturen, Jobcentern und Jugendämtern.

ARBEIT.NRW:

Welche Rolle übernimmt die G.I.B. in diesem Prozess?

Albert Schepers:

Da die Auswahl der Träger einen intensiven Prüfaufwand erfordert, unterstützen und beraten wir das Arbeitsministerium sowohl bei der Programmkonzeptionierung wie auch beim Interessensbekundungsverfahren. Darüber hinaus organisiert die G.I.B. den Dialog zwischen den Trägern. Zukünftig wollen wir im Rahmen der fachlichen Begleitung den Erfahrungsaustausch intensivieren und so den Know-how-Transfer forcieren, zumal der Schritt vom Modellansatz hin zum Landesprogramm längst vollzogen ist. Mit der Bezeichnung „Produktionsschule.NRW“ hat das Programm jetzt sogar eine eigene Marke.