Modellprojekt „Wohnen 60plus“

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Foto: Gebäude Förderverein für Wohnhilfen e.V.

Rentner-WG unter´m Kirchendach

Münsteraner Modellprojekt gegen Wohnungslosigkeit findet internationale Beachtung. Eine Reportage.

Über Jahre hinweg hatten sie gar kein Dach über dem Kopf, jetzt ein besonders hohes: das der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Münster. Im Projekt „Wohnen 60plus“ leben acht ehemals Wohnungslose gemeinsam in der umgebauten Kirche. Die Bewohner zogen vor drei Jahren ein. Jetzt erregt Deutschlands erste betreute Wohngruppe für ehemals wohnungslose Senioren sogar international Aufsehen.

Die Mieter sitzen im Gemeinschaftsraum, „Mensch ärgere dich nicht“ und „Halma“ stehen auf dem Programm. Sozialarbeiterin Laura Spang baut die Spiele auf. Auf den ersten Blick ist alles so wie man es von einem ganz normalen Altenheim erwartet. Doch kaum hat die Runde begonnen, gibt es Streit zwischen den Mitspielern. Denn das Projekt „Wohnen 60plus“ ist eben kein „ganz normales Altenheim“.

Alle acht Mieter  lebten lange Zeit ohne eigene Wohnung. Sie waren zuletzt oft viele Jahre in Notunterkünften untergebracht. Hier mussten sie sich durchsetzen – nichts war „nur ein Spiel“, der Ton war rau. Bevor der Streit um eine falsch gesetzte Spielfigur ernst wird, zieht sich der erboste Bewohner zurück. Über den Flur, das ehemalige Seitenschiff der Dreifaltigkeitskirche, gelangt er direkt in seine Privatwohnung.

„Die Mieter können die Gemeinschaftsangebote nutzen und fast alle nehmen am gemeinsamen Essen teil. Allerdings ist das nicht verpflichtend. Jeder hat seine private Wohnung als Rückzugsraum“, erklärt Bernd Mülbrecht. Er ist Diplom-Sozialarbeiter und Vorsitzender des Fördervereins für Wohnhilfen e.V., Träger des Projekts „Wohnen 60plus“. Bei den Bewohnern ist der 64-Jährige beliebt, er kennt sie alle, und nicht nur mit Namen. Der Verein aus haupt- und ehrenamtlichen Mitgliedern besteht seit 1991 und sucht nach angemessenen Wohnmöglichkeiten für wohnungslose Menschen, die auf dem aktuellen Wohnungsmarkt benachteiligt sind.

„In einer Stadt wie Münster ist es so schon schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden. Für ehemals wohnungslose Senioren, die meist auf medizinische  Betreuung angewiesen sind und dazu häufig negative Schufa-Einträge haben, besteht kaum eine Chance auf angemessenen Wohnraum“, erklärt Mülbrecht.

Also entschied sich der Förderverein 2006, selbst ein Wohnprojekt auf die Beine zu stellen. Er wollte so Wohnen mit Versorgungssicherheit, Hygiene, Pflege und Sozialarbeit für ältere Bedürftige gewährleisten. „Sechs Jahre haben wir nach einer geeigneten Immobilie gesucht, dann kam der alles verändernde Anruf“, erinnert sich der Sozialarbeiter. „Ein Architekt hatte die seit über zehn Jahren leerstehende Dreifaltigkeitskirche gemietet, dann aber keine Verwendung mehr für die ungewöhnliche Immobilie.“

Mit Unterstützung des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales NRW und Eigenmitteln des Fördervereins für Wohnhilfen entstand ein neues, bislang einzigartiges Wohn- und Betreuungskonzept. Das städtische Wohnungsunternehmen Wohn+Stadtbau konnte als Investor gewonnen werden. Nach dem Umbau ist die alte Funktion des Gebäudes nur noch von außen zu erkennen. Innen ist alles modern. Fünf Etagen sind beim Umbau in die ehemalige Kirche eingezogen worden, alle barrierefrei nutzbar. Im Erdgeschoss entstanden acht Wohnungen für den Förderverein mit eigenen Küchen, Badezimmern und einem großen Gemeinschaftsraum. Neben dem Wohnprojekt sind auch eine Physiotherapiepraxis, ein Architekturbüro und eine Werbeagentur in der alten Kirche als Mieter eingezogen.

„Zu unseren Nachbarn besteht ein sehr gutes Verhältnis. Gerade ältere Damen und Herren kommen gerne zu Besuch und nehmen an Nachbarschaftstagen, Spielerunden oder am gemeinsamen Kaffeetrinken teil“, erklärt Sozialarbeiterin Laura Spang. Sie ist für die Bewohner Ansprechpartnerin bei großen und kleinen Problemen. Diese reichen von Schiedsrichterentscheidungen beim Brettspiel bis hin zu Behördengängen.

In den ersten beiden Jahren wurde die Sozialarbeiterstelle aus dem Aktionsprogramm „Obdachlosigkeit verhindern - Weiterentwicklung der Hilfen in Wohnungsnotfällen“ gefördert. Dieses Programm des nordrhein-westfälischen Sozialministeriums fördert beispielgebende Modell-Projekte und stellt eine Anschubfinanzierung dar. Es soll unter anderem die Wohnungsnotfallhilfe dazu befähigen, sich in eigener Verantwortung weiter zu entwickeln.

„Nachdem wir dank der Starthilfe endlich einziehen konnten, haben wir allen gezeigt, wie gemeinschaftliches Zusammenleben im Alter organisiert werden kann“, berichtet Bernd Mülbrecht stolz. Das Projekt ist mittlerweile weit über Münster hinaus Vorbild für die ambulante Versorgung wohnungsloser Seniorinnen und Senioren in einer Mietwohnung. Das Wohnprojekt „Wohnen 60plus“ ist  im In- und Ausland auf großes  Interesse gestoßen, besonders bei Besuchern aus der Wohnungslosen-, Alten- und Gesundheitshilfe. Besucher kamen beispielweise aus Luxemburg, Österreich und der Schweiz. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) empfiehlt das Wohnkonzept als ein Modell zur ambulanten Versorgung wohnungsloser älterer Menschen.

Wichtig war dem Förderverein auch die wissenschaftliche Begleitung des Wohnprojekts. „Durch die Förderung konnten wir das Projekt zusätzlich wissenschaftlich auswerten lassen“, erklärt Bernd Mülbrecht. Herausgekommen sei nicht nur, dass sich die Bewohner hier sehr wohl fühlen, sondern auch die Bedeutung von Sozialarbeit, Pflege und Hauswirtschaft für eine gelingende Betreuung und Integration der Mieter ins Wohnumfeld. Nach Ende der Modellförderung durch das NRW-Sozialministerium konnte für die Finanzierung der Sozialarbeit eine Anschlussfinanzierung durch die Stadt Münster, die Franz Bröcker Stiftung und aus Eigenmitteln des Vereins sichergestellt werden.

Das Projekt „Wohnen 60plus“ läuft so erfolgreich und mit so großer Resonanz, dass bereits im September 2015 ein Treffen mit Verantwortlichen des kommunalen Wohnungsunternehmens der Stadt Münster für ein zweites Wohnprojekt für  ältere unterstützungsbedürftige Wohnungslose stattgefunden hat. Eine ehemalige Kirche steht dafür zwar nicht mehr zur Verfügung, wohl aber Platz für elf Appartements und eine Gemeinschaftsfläche in einem Geschosswohnungsbau.

Text und Fotos (3): Niklas Knepper

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