Lohnhallengespräch: Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende

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Armutsrisiko und Erwerbschancen von Alleinerziehenden - Wege zur Verbesserung einer (prekären) Arbeits- und Lebenssituation von Familien mit niedrigem Einkommen

Lohnhallengespräch der G.I.B: Impulsreferat analysiert Erwerbschancen von Alleinerziehenden im SGB II und Bedeutung der Kinderbetreuung. Armutsgefährdung alleinerziehender Haushalte auch in NRW gestiegen – aktuelle Zahlen

Die Zahl Alleinerziehender in NRW ist unverändert hoch. Gestiegen ist auch das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern, die häufiger und länger auf Leistungen aus der Grundsicherung angewiesen sind als Familien in Paarhaushalten. Ein Lohnhallengespräch der G.I.B. diskutierte Handlungsstrategien und stellte aktuelle Zahlen vor. Das Interesse an der ESF-geförderten Veranstaltung war groß. Bericht und Fotogalerie

Lohnhallengespräch zu Alleinerziehenden im SGB II-Bezug: Handlungsansätze aufzeigen - Erfahrungsaustausch stärken – Impulse für die Umsetzung in der Region

Das Lohnhallengespräch in der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) stand unter dem Titel "Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende". Mit rund 130 Teilnehmenden war die Veranstaltung, gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF), komplett ausgebucht und zeigte das große Interesse unter den nordrhein-westfälischen Akteurinnen und Akteuren. Nach dem Auslaufen großer bundespolitischer Programme war es das Ziel der Veranstaltung vom 31. Januar 2017, arbeitsmarktpolitische Ansätze für die Zielgruppe in NRW aufzuzeigen und Strategien zur Verbesserung der häufig prekären Lebens- und Erwerbssituation von Alleinerziehenden und ihren Kindern zu diskutieren.

In zwei Impuls-Referaten wurden der Zusammenhang und die Bedeutung von Arbeitsmarktintegration und Kinderbetreuung beleuchtet sowie aktuelle Zahlen zur Situation Alleinerziehender im SGB II in NRW vorgestellt. Eine Messe präsentierte an 13 Infoständen Angebote, Initiativen und Projekte in NRW für Alleinerziehende. Eine Podiumsdiskussion mit einer Vertreterin der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter erörterte abschließend Handlungsoptionen und aktuelle Ansätze.
 

In ihrer Begrüßung skizzierte Ute Mankel, Abteilungsleiterin Querschnittsaufgaben in der G.I.B., die Sachlage und verwies auf die unverändert schwierige bis prekäre Situation von Alleinerziehenden im SGB II-Bezug in NRW. Die G.I.B-Beratenden Karin Linde und Oliver Schweer ergänzten und führten als Moderatorenduo durch die Veranstaltung.

Die Zahl Alleinerziehender im SGB II-Bezug in NRW ist seit Jahren auf einem stabilen und quantitativ hohen Niveau. Die Mehrheit sind Frauen, die - trotz Erwerbstätigkeit, hoher Erwerbsmotivation und arbeitsmarktpolitischer Bemühungen - langjährig Transferleistungen beziehen müssen. Nicht zuletzt auf ihre Kinder hat dies nachhaltige negative Folgen für eine gute Bildungsbeteiligung und soziale Teilhabe. Ergänzende Hilfen sind intransparent und wirken zum Teil widersprüchlich. Nur über wirksame Hilfen und gute Arbeit für (Allein-)Erziehende kann die wachsende Kinderarmut verringert werden, beschreiben die G.I.B.-Fachleute die aktuelle Situation.

Mehr Kinderbetreuung – mehr Arbeitsmarktintegration für Alleinerziehende? Impulsreferat beleuchtet Bausteine und Hürden für eine bessere Integration

Der Arbeitsmarktforscher und Familiensoziologe Dr. Torsten Lietzmann, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), stellte zentrale Ergebnisse seiner Studie „Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit im Bereich prekärer Einkommen“ vor. In seinem Referat beleuchtete er die Zusammenhänge von öffentlicher Kinderbetreuung und Erwerbschancen von alleinerziehenden Müttern im Vergleich zu Müttern in Paarhaushalten im SGB II-Bezug. Der IAB-Forscher benannte „Bausteine“, die eine (Arbeitsmarkt-)Integration der Alleinerziehenden im SGB II-Bezug befördern, und zeigte zugleich „Grenzen und Hürden“ auf, die einer schnellen Verbesserung der Situation entgegenstehen.

Alleinerziehende verbleiben trotz guter Qualifikation und hoher Erwerbsorientierung länger im SGB II-Bezug als Mütter in Paarhaushalten, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Arbeitsaufnahme oder Erweiterung der Erwerbstätigkeit durch den Kinderbetreuungsaufwand stärker eingeschränkt ist und nicht selten in geringfügiger (und damit schlecht bezahlter) Beschäftigung erfolgt. Für den Ausstieg aus dem Leistungsbezug sei die Sicherstellung einer (externen) Kinderbetreuung allerdings nur eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung, stellte Torsten Lietzmann fest.

Neben der (in der Regel hohen) Motivation zur Erwerbsaufnahme seien eine individuelle, lebenslagenorientierte und praxisnahe Arbeitsvermittlung ebenso gefragt wie eine familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung und sozialpolitische Flankierung, um den (Wieder-)Einstieg von Alleinerziehenden in existenzsichernde und von Transferleistungen unabhängige Beschäftigung zu unterstützen.
Im Fazit gab sich der Arbeitsmarktforscher skeptisch: Eine Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden sei wohl nur langfristig zu erreichen. Dabei seien auch Männer, Väter zu motivieren, einen „substantiellen Anteil“ an der Familienarbeit zu übernehmen. Nicht zuletzt sei das eine wichtige Voraussetzung, dass sich die Geschlechterverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt angleichen können und um „im Großen und Ganzen Frauen auf dem Arbeitsmarkt besser zu stellen“.

Alleinerziehende im SGB II in NRW – Aktuelle Zahlen aus dem G.I.B.-Monitoring

Aus dem G.I.B.-Monitoring stellte Jan Amonn (G.I.B.) aktuelle Zahlen zur Situation Alleinerziehender in Nordrhein-Westfalen vor. Danach ist hierzulande der SGB II-Bezug von Alleinerziehenden auf hohem Niveau und in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen.
Die NRW-Hilfequote von Alleinerziehenden im SGB II-Bezug betrug 2015 über 45 Prozent. Nordrhein-Westfalen liegt damit im bundesweiten Ländervergleich an vierter Stelle und weit über dem durchschnittlichen Vergleichswert für Westdeutschland mit rund 36 Prozent.

Alleinerziehende im SGB II-Bezug sind mit rund 94 Prozent vorwiegend weiblich, zwischen 25 und 55 Jahre alt und über die Hälfte aus dieser Gruppe verbleiben vier Jahre und länger im SGB II-Leistungsbezug. Beim Qualifikationsniveau überwiegen mittlere schulische Abschlüsse, zugleich kann ein großer Teil dieser Gruppe keinen Berufsabschluss vorweisen. Ein Hinweis, so der G.I.B.-Monitoring-Experte, dass hier ein relevantes Potential für künftige Fachkräfte vorhanden sei.
Insgesamt ist die Erwerbstätigenquote von Alleinerziehenden in NRW mit knapp 68 Prozent vergleichsweise hoch.

Messestände informieren zu Unterstützungsangeboten in NRW

Im Anschluss an die Impulsreferate stellten Akteurinnen verschiedener Institutionen und Träger Projekte und Initiativen aus Nordrhein-Westfalen vor, die Alleinerziehende unterstützen. Nach der Mittagspause gab es für die Teilnehmenden bei einem Messerundgang mit insgesamt 13 Infoständen die Gelegenheit zum Netzwerken und zum Erfahrungsaustausch.

Mit dabei waren nicht nur Jobcenter-finanzierte Ansätze und Angebote, sondern auch Projekte aus ESF und vom Land geförderten Programmen, die aufzeigen, wie gute Unterstützung für Alleinerziehende gelingen kann. Zum Beispiel Projekte aus dem Aufruf "Starke Quartiere – starke Menschen", das Angebot "Beratung für berufliche Entwicklung", die Erwerbslosenberatung, die Programme "Öffentlich geförderte Beschäftigung" und Teilzeitberufsausbildung - TEP oder die Landesinitiative Netzwerk W(iedereinstieg).

Ziele, Möglichkeiten und Handlungsansätze – Podiumsdiskussion

Die abschließende Podiumsdiskussion fasste noch einmal zusammen und stellte Fragen nach Handlungsoptionen und passgenauen Angeboten. Ute Ackerschott, Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, Leiterin im Stab Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, und Antje Beierling, Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), betonten unisono und mit Blick auf die Vielfalt der Projekte und vorhandenen Studien die Notwendigkeit zur Umsetzung und langfristigen Verstetigung der bisher gemachten Erfahrungen.

„Wir haben eigentlich alles, wir müssen es nur noch tun“, so Ute Ackerschott. Die Vertreterin der Regionaldirektion NRW plädierte für „eine Art Regelprozess", um das „Beste aus dem, was wir an Erfahrungen und Erkenntnissen gewonnen haben“, umzusetzen. Es seien Netzwerke gefragt, die Alleinerziehende individuell und vertrauensvoll vor Ort unterstützen. Überlegungen gebe es etwa zum  Modell eines Coach oder einer Anlaufstelle für Alleinerziehende, wie sie in einigen Regionen bereits erprobt werde.

Angesichts der besonderen Lebenssituation von Alleinerziehenden mahnte die VAMV-Vertreterin an, Alleinerziehenden ausreichend Zeit zu geben, damit sie passende und vor allem auch zufriedenstellende berufliche Perspektiven entwickeln können. Die ergänzende Kinderbetreuung außerhalb der Öffnungszeiten institutioneller Betreuungseinrichtungen und das Konzept der Anlaufstellen, die der VAMV entwickelt habe, so Antje Beierling, schließen eine wichtige Lücke und zeigen, wie Unterstützungsangebote weiterentwickelt werden können.

Was bleibt als Perspektive? G.I.B.-Beraterin Karin Linde plädierte abschließend für eine „Vielfalt der Ansätze“ und appellierte an die Träger, vorhandene Programme wie etwa den Aufruf „Starke Menschen – starke Quartiere“ zu nutzen, weil damit arbeitsmarkt- und sozialpolitische Ansätze in Kommunen mit hohem Alleinerziehenden-Anteil kombiniert werden können.
Es gebe zwar keinen „Königs- oder Königinnenweg“. Fakt aber sei: „Alleinerziehend zu sein wird mehr und mehr eine normale Familienform, ob gewünscht oder erzwungen. Alle Beratungseinrichtungen müssen deshalb über die Lebenssituation und die damit zusammenhängenden Bedarfe Bescheid wissen.“ Alleinerziehende dürften als Zielgruppe nicht aus dem Blick geraten. Angesichts des hohen Armutsrisikos von Alleinerziehenden und ihren Kindern sei das nach wie vor notwendig.

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