Interview mit Christian Niemann, Caritasverband Rheine e.V.

Bild des Benutzers Webworker.Hivric
Gespeichert von Webworker.Hivric am 1. August 2017
Foto: Christian Niemann, Sozialpädagoge und systemischer Therapeut
Interview

"Kopf frei für die Arbeitssuche"

Interview mit Christian Niemann, Berater beim Caritasverband Rheine e.V. - Unterstützung für arbeitslose junge Menschen im Rahmen des ESF-geförderten Landesprogramms "JA plus"

Beraterinnen und Berater bereiten arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene auf die Aufnahme einer Beschäftigung vor, vermitteln sie auf betriebliche Arbeitsplätze und stabilisieren das Beschäftigungsverhältnis durch eine zeitlich befristete Begleitung. Christian Niemann ist Berater beim Caritasverband Rheine e.V. und im Rahmen von Jugend in Arbeit plus aktiv. Im Interview erläutert er seine Erfahrungen bei der Beratung von arbeitslosen jungen Menschen.

ARBEIT.NRW:

Herr Niemann, Sie sind bereits seit zehn Jahren Berater im Programm „Jugend in Arbeit plus“. Welche Aufgabe übernehmen Sie dabei?

Christian Niemann:

Meine Aufgabe ist die Beratung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Hinblick auf die Vermittlung in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis, aber auch die Beratung hinsichtlich aller Fragen und Probleme, die eine Arbeitsaufnahme verhindern könnten, wie zum Beispiel ungesicherte Wohnverhältnisse, Schulden und alles, was das Leben sonst noch an Schwierigkeiten und Hindernissen bereithält. Erst wenn das geklärt ist, haben sie den Kopf frei und können sich ganz auf die Arbeitssuche konzentrieren.

Zunächst aber sichte und optimiere ich die Bewerbungsunterlagen der Jugendlichen. Ihre Lebensläufe haben sie in der Regel akzeptabel aufbereitet, aber bei Anschreiben an die Firmen tun sie sich schwer. Hier brauchen sie Unterstützung. Wenn ich nach ausführlichen Gesprächen die Jugendlichen mit ihren Interessen, Vorstellungen und Stärken kennengelernt habe, vereinbare ich einen Termin mit den Kammerfachkräften, die sich ein eigenes Bild von den Teilnehmenden machen wollen. Das ist für die Jugendlichen ein gutes Training, weil es einem Vorstellungsgespräch in einem Betrieb vergleichbar ist. Hier kann ich erkennen, wie sie sich präsentieren und woran noch zu arbeiten ist. Gleich anschließend beginnt die Vermittlung.

Die Gesamtberatungsdauer hängt vom Einzelnen, von seiner Lebenslage und seinen persönlichen Voraussetzungen ab. Sie kann drei Monate, aber auch neun Monate umfassen. Abhängig ist die Beratungsdauer aber auch vom regionalen Stellenmarkt für die einzelnen Berufe. So ist es in Rheine relativ leicht, einen Fachlageristen zu vermitteln, während für einen Chemielaboranten kaum eine Stelle zu finden ist. Insgesamt sind die jungen Menschen hoch motiviert, da sie sich freiwillig für die Teilnahme am Programm entschieden haben und groß ist auch die Bereitschaft, die Hilfestellung, die ihnen das Programm bietet, anzunehmen.

ARBEIT.NRW:

Welche Vorteile bietet „Jugend in Arbeit plus“ den Jugendlichen und den Betrieben?

Christian Niemann:

Jugendliche finden hier eine kompetente, individuelle Unterstützung bei ihren Problemlagen, aber auch im Hinblick auf ihre Vermittlung. Weiterer Vorteil ist, dass Jugendliche auch noch bis zu sechs Monate nach der Vermittlung betreut werden. Das erhöht die Chancen, den Übergang auch langfristig positiv zu gestalten.

Für die Jugendlichen ist es ein gutes Instrument, schneller in den Arbeitsmarkt einzumünden. Weil das Programm Jugendlichen mit und ohne Berufsabschluss offen steht, ist es eine gute Hilfestellung auch für Jugendliche, die ihre Ausbildung beendet haben, aber nicht übernommen worden sind. So kann trotz fehlender Berufserfahrung der Einstieg in Arbeit doch noch gelingen.

Aber auch die Betriebe profitieren von dem Programm, da es ihnen mit seinem Coaching der Jugendlichen, der guten Beratung und der Begleitung in der Anfangsphase eines Beschäftigungsverhältnisses ein Potenzial an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erschließt, das sie ohne die Unterstützung vielleicht gar nicht erst in Betracht ziehen würden.

ARBEIT.NRW:

Welche Bedeutung hat Ihre Zusammenarbeit mit den anderen Partnern im Landesprogramm?

Christian Niemann:

Die enge Zusammenarbeit aller regionalen Akteure sowie die gute Kooperation mit Beratern über die eigene Region hinaus sind wesentliche Erfolgsfaktoren. Hier in Rheine gibt es einen regen Austausch und sehr intensive Kontakte mit dem Jobcenter, der Agentur für Arbeit und den Kammerfachkräften. Hinzu kommen oft langjährige Kontakte zu Arbeitgebern, wovon wiederum die Jugendlichen profitieren.

Außerdem ist Jugend in Arbeit plus eins der wenigen Programme, die Kontinuität vorhalten, mit Strukturen und Personen, auf die sich alle Kooperationspartner verlassen und jederzeit zurückgreifen können.

ARBEIT.NRW:

Haben Ihnen die Workshops beim Austauschtreffen neue Anregungen oder Erkenntnisse geliefert?

Christian Niemann:

Ja, der Austausch mit den anderen Akteuren hat uns gezeigt, wie Berater, Kammerfachkräfte und Regionalagenturen das Programm in anderen Regionen umsetzen. Deutlich wurde zudem das Interesse an speziellen Fortbildungen zum Thema Sucht oder zu „Jugendlichen mit psychologischen Problemen oder Erkrankungen“. Ich selbst bin Sozialpädagoge und habe zugleich eine Ausbildung als systemischer Therapeut absolviert, bin also auf die Beratung von Jugendlichen mit psychischen Problemen gut vorbereitet. Für manche andere aber wäre ein fachlicher Input in diesem Themenfeld sicher nützlich.

Wichtig ist ein Austausch wie jetzt beim Workshop anvisiert insbesondere für neu einsteigende Beraterinnen und Berater, aber auch für neueinsteigende Kammerfachkräfte und Akteure aus den Regionalagenturen. Sie müssen sich alles neu aneignen und können nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Für sie wäre es sehr hilfreich, wenn sie - ähnlich wie bei einem Mentoring - die Strukturen und Abläufe von erfahrenen Leuten vermittelt bekämen oder, ganz einfach und praktisch, die Telefonnummer einer Beraterin oder eines Beraters, die schon lange dabei sind und die sie bei offenen Fragen kontaktieren können. An diesem Angebot wollen wir arbeiten, auch in dieser Hinsicht war der Workshop ein Gewinn.