Interview

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Interview

Große Nachfrage. Jobmappe.NRW als Baustein im Landesvorhaben "Kein Abschluss ohne Anschluss"

Die Jobmappe NRW ist ein praxistaugliches Instrument nicht nur für Bildungsträger, sondern auch für die Berufskollegs - Interview mit G.I.B.-Beraterin Christiane Siegel

Die Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) begleitet den Einsatz der Jobmappe.NRW mit einem umfassenden Beratungs- und Fortbildungsservice und unterstützt so die praktische Arbeit von Bildungsträgern und Berufskollegs. Interview mit G.I.B.-Beraterin Christiane Siegel, die die Jobmappe NRW mit entwickelt hat, zu Grundlagen, Aufbau und Wirkungsweise des ESF-geförderten Instruments im Übergang Schule-Beruf.

ARBEIT.NRW:

Frau Siegel, die Jobmappe NRW wurde 2008 speziell für NRW entwickelt und eingeführt. Wie hat sich die Nutzung dieses Portfolio-Instruments seitdem entwickelt?

Christiane Siegel:

Die Nachfrage ist rasant gestiegen. Gerade ist die 10. aktualisierte Auflage der Jobmappe NRW erschienen, ihre aktuelle Jahresauflage liegt bei 35.000 Exemplaren. Insgesamt wurden so bislang bereits über 250.000 Jugendliche bei ihrer Berufswegeplanung unterstützt. Die Jobmappe NRW wird vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW herausgegeben – inzwischen in Partnerschaft mit dem Schulministerium und der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit.

ARBEIT.NRW:

Was macht die Jobmappe so attraktiv? Was haben die Jugendlichen davon?

Christiane Siegel:

Die Jobmappe unterstützt junge Erwachsene beim Übergang von der Schule in den Beruf. Ihre besondere Qualität besteht darin, dass sie den Prozess der Berufswegeplanung begleitet und zugleich eingebettet ist in die individuelle Qualifizierungs- und Förderplanung: Von der Profilerstellung über Zielvereinbarungen und das schriftliche Festhalten von Wegen und Mitteln, um diese Ziele zu erreichen, bis hin zur sukzessiven Dokumentation von Lern-Fortschritten. So entsteht für den JUgendlichen ein roter Faden auf dem Weg in den Beruf.

Eine weitere Besonderheit der Jobmappe NRW: Sie stellt Stärken und informell erworbene Kompetenzen in den Mittelpunkt der Berufswegeplanung - ausbildungsrelevante Merkmale also, die in Zeugnissen nicht berücksichtigt werden. Insofern ist die Jobmappe mehrdimensional und aussagekräftiger als ein Zeugnis.

Sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, kann nach unseren Erfahrungen Jugendliche enorm motivieren und aktivieren, zumal sie mit dem Instrument nach einiger Zeit auch eigenständig arbeiten können. Mit der Jobmappe können junge Erwachsene zeigen, was sie können und sich damit positiv präsentieren. Hierbei können sie nicht nur ihre Dokumente und Nachweise im Ordner der Jobmappe sammeln. Über den USB-Stick - "die Jobmappe für die Hosentasche" - und das Internetportal www.jobmappe.nrw.de stehen alle Arbeitsblätter auch als digitale Formulare zur Verfügung. Die Arbeit mit den digitalen Modulen der Jobmappe schult auch die Medienkompetenz.

ARBEIT.NRW:

Arbeiten die Jugendlichen eigenständig mit der Jobmappe oder brauchen sie dazu eine Anleitung?

Christiane Siegel:

Auch wenn die Eigenständigkeit der Jugendlichen durch die Arbeit mit der Jobmappe gefördert wird, so ist eine Begleitung der Jugendlichen durch die Bildungscoachs, die Ausbilderinnen und Ausbilder oder die Lehrkräfte zwingend erforderlich, die ihrerseits vom Einsatz der Jobmappe profitieren, nämlich in Form einer optimierten Qualifizierungs- und Förderplanung. Nutzerinnen und Nutzer der Jobmappe NRW loben dabei vor allem ihre einfache, klare Struktur und ihre Funktionalität.

ARBEIT.NRW:

Haben sich die Inhalte der Jobmappe NRW im Zeitverlauf geändert?

Christiane Siegel:

Im Rahmen der fachlichen Begleitung durch die G.I.B. prüfen wir regelmäßig, wie sich die Nutzung der Jobmappe verbessern lässt. Eine wichtige Rolle spielen hier die Rückmeldungen aus der Praxis. Dabei kommt es seltener zu inhaltlichen Neugestaltungen als vielmehr zu Veränderungen in ihrem Einsatzradius. So hatte eine Befragung von Bildungsträgern ergeben, dass die Jobmappe im Kern für die Nutzung in unterschiedlichsten Angeboten sehr gut geeignet ist. Dem damals geäußerten Wunsch, das Instrument landesweit in noch mehr Angeboten zur Verfügung zu stellen, ist das NRW-Arbeitsministerium schon bald nachgekommen.

Ursprünglich hatte das Arbeitsministerium NRW das Instrument für die Programme des Landes entwickelt, die den Übergang von jungen Menschen in Beruf und Ausbildung unterstützen. Inzwischen wird die Jobmappe längst nicht mehr nur in ESF-Landesprogrammen eingesetzt wie zum Beispiel der Produktionsschule.NRW oder Jugend in Arbeit plus, sondern landesweit in verschiedenen Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (z.B. BvB oder der assistierten Ausbildung), der Jobcenter oder der Jugendhilfe, aber auch an den Berufskollegs. Die Rückmeldungen aus der Praxis werden auch immer genutzt, um die Arbeitshilfe für Bildungsträger weiterzuentwickeln, in der konzeptionelle Grundlagen und Empfehlungen zum Einsatz der Jobmappe NRW in unterschiedlichen Fördermaßnahmen zusammengefasst sind. Zurzeit befassen wir uns mit der Frage, ob und wie sich das Instrument auch bei der Integration junger Zugewanderter oder junger Geflüchteter nutzen lässt.

ARBEIT.NRW:

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Einsatz der Jobmappe an Berufskollegs?

Christiane Siegel:

Ausgesprochen gut. Das liegt vermutlich auch daran, dass wir ihren Einsatz zunächst in ausgewählten Bildungsgängen der Ausbildungsvorbereitung an 30 Modellberufskollegs erprobt haben. Die Auswertung dieser Erprobung erfolgte im Rahmen eines Qualitätszirkels mit Vertreterinnen und Vertretern der Berufskollegs und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Die aus den Ergebnissen der Erprobung resultierenden positiven Empfehlungen sind in eine „Arbeitshilfe für Berufskollegs“ eingeflossen. Sie enthält nicht nur Praxisbeispiele, sondern auch Hinweise, was bei der Einführung der Jobmappe zu beachten ist sowie Empfehlungen, was zu tun ist, wenn die Jobmappe am Berufskolleg fächerübergreifend eingesetzt werden soll - was ratsam ist. Darüber hinaus beinhaltet die Arbeitshilfe Empfehlungen zur Frage, wie sich mithilfe der Jobmappe die lernortübergreifende Zusammenarbeit der Berufskollegs mit den Bildungsträgern und Unternehmen stützen lässt.

Der Einsatz der Jobmappe NRW ist nun an allen Berufskollegs des Landes in der Ausbildungsvorbereitung und in der Berufsfachschule möglich, also in den Bildungsgängen, die im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) im Handlungsfeld „Systematisierung des Übergangs“ genannt sind. Inzwischen setzen zahlreiche Berufskollegs die Jobmappe NRW in den gerade genannten Bildungsgängen ein.

ARBEIT.NRW:

Mit der Umsetzung des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss - Übergang Schule - Beruf in NRW“ ist die Arbeit mit Portfolioinstrumenten an allen allgemein bildenden Schulen ein Standard der Berufs- und Studienorientierung. Welchen Stellenwert hat hier die Jobmappe NRW?

Christiane Siegel:

Als Mittel zur schulischen Berufsorientierung bzw. als Standardelement der Berufs- und Studienorientierung im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ werden an den allgemein bildenden Schulen andere Portfolioinstrumente eingesetzt, zum Beispiel der Berufswahlpass NRW. Die Jobmappe NRW ist ein geeignetes Portfolioinstrument für den anschließenden Einsatz in den Angeboten des Übergangssystems.

Im Rahmen der fachlichen Begleitung der Jobmappe NRW haben wir Empfehlungen erarbeitet, wie eine systematische Nutzung von Portfolioinstrumenten und der Übergang vom Berufswahlpass NRW zur Nutzung der Jobmappe NRW gelingen kann. Dazu gilt es zum Beispiel, die bis zum Verlassen der allgemein bildenden Schule im Rahmen der Berufs- und Studienorientierung erarbeiteten Ergebnisse in die Jobmappe zu transferieren und auf dieser Grundlage die Berufswegeplanung weiterzuentwickeln.

Tatsache ist, dass die Jobmappe NRW bei Jugendlichen zum Einsatz kommt, deren Einstieg in Bildung und Beruf nicht immer ganz einfach ist. Typisch für diese Fälle ist, dass meist mehrere Akteure im Förderprozess beteiligt sind: Bildungsträger, Berufskollegs, die Jugendhilfe, aber auch Unternehmen, die zum Beispiel Praktikumsplätze anbieten. Sie alle wollen und müssen wissen, mit wem sie es bei den Jugendlichen zu tun haben, welche Voraussetzungen sie mitbringen, wie sie am besten zu fördern sind.

Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil der Jobmappe NRW: Wenn die jungen Erwachsenen zustimmen, bietet die Jobmappe NRW den verschiedenen Akteuren die Möglichkeit, nicht immer bei null anzufangen, sondern sich darauf zu konzentrieren, wie sich bereits erkannte Stärken im Rahmen ihrer Beratung oder der Förderplanung noch weiter ausbauen lassen und wie sich die Zusammenarbeit mit ihren Kooperationspartnern optimieren lässt. Insofern profitieren nicht nur die Jugendlichen von der Jobmappe NRW, sondern sie kann ein Instrument sein, wie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure zur Entwicklung von Anschlussperspektiven im Übergang von der Schule in den Beruf systematisch gefördert werden kann.