Interview Benedikt Willautzkat

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Benedikt Willautzkat G.I.B.-Berater im Gespräch - im Hintergrund Plakat Aktion 100
Interview

Inklusion junger Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Arbeitsmarkt - "Aktion 100" wirkt und geht weiter!

Die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW" bringt erfolgreich junge Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Arbeit – Interview mit G.I.B.-Berater Benedikt Willautzkat

Über die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW" ist es gelungen, über 1.100 junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Das Spektrum der Berufe ist dabei breit gestreut. Das ESF-geförderte Programm, seit 2007 am Start, hat sich als erfolgreiches Instrument der Inklusion erwiesen. Interview mit G.I.B.-Berater Benedikt Willautzkat zu Ergebnissen und Erfolgsfaktoren des Förderprogramms.

ARBEIT.NRW:

Herr Willautzkat, seit 2007 fördert die Landesregierung NRW mit der Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW" die Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderung. Welches (Zwischen-)Fazit können Sie ziehen?

Benedikt Willautzkat:

Vor allem dies: Die Förderprogramm beweist sehr anschaulich und überzeugend, dass junge Menschen mit Behinderung und professioneller Unterstützung sehr wohl in der Lage sind, eine Berufsausbildung zu absolvieren - auch zum Nutzen der ausbildenden Betriebe. Das beweisen die mehr als 1.100 jungen Menschen mit einer Behinderung, die über die Aktion eine Berufsausbildung absolvieren oder absolviert haben.
 
Auch die Zahl der Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarkts, die von den Bildungsträgern und Teilnehmenden als Kooperationspartner gewonnen werden konnten, hat sich auf mittlerweile rund 1.000 Betriebe erhöht! Dabei handelt es sich überwiegend um mittelständische Betriebe. Aber auch viele kleine Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten sind darunter zu finden. In den Betrieben gibt es offensichtlich ein Umdenken. Sie erkennen, dass auch die Ausbildung behinderter Menschen gelingen kann und sie selbst davon profitieren.

ARBEIT.NRW:

Vor allem aber dient die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze" den jungen Menschen mit Behinderung selbst. Um welche Personen genau handelt es sich dabei und welche Erfolge können Sie hier verzeichnen?

Benedikt Willautzkat:

Richtig, im Mittelpunkt der Aktion stehen unvermittelte junge Menschen mit Behinderung, die einen Ausbildungsplatz suchen, etwa die Hälfte von ihnen ist weiblich. Das sind Jugendliche und junge Erwachsene aus Nordrhein-Westfalen zum Beispiel mit einer Körper- oder einer Sinnesbehinderung, mit einer psychischen Behinderung oder auch mit Mehrfachbehinderung.

Die Schulbildung der Teilnehmenden ist sehr unterschiedlich: Fast 18 Prozent der Auszubildenden haben den Abschluss einer Förderschule bzw. sind ohne Hauptschulabschluss und rund 35 Prozent verfügen über einen Hauptschulabschluss. Der Anteil der Auszubildenden mit höherwertigen Schulabschlüssen liegt im Durchschnitt bei etwa 45 Prozent, also fast der Hälfte. Rund ein Drittel der Auszubildenden haben vor ihrer Aufnahme in die Ausbildungsaktion bereits einen oder mehrere Ausbildungsversuche unternommen.
 
Zu den Erfolgen der Aktion: Hier müssen wir differenzieren zwischen Prüfungserfolgen und Erfolgen, die sich nach Abschluss der Ausbildung auf die Integration in den Arbeitsmarkt beziehen. Um qualifizierte Aussagen zu Ausbildungs- und Integrationserfolgen treffen zu können, haben wir bereits 2011 ein Online-Datenbank-System eingeführt. Damit werden die dezentrale Erfassung über die Träger und die zentrale Steuerung des Monitorings auf Landesebene miteinander verbunden.
 
Die Auswertung zeigt: Von den Auszubildenden, die sich einer Abschlussprüfung gestellt haben, haben 95 Prozent den Berufsabschluss erworben, zum Teil mit exzellenten Ergebnissen.
 
Ein weiterer Erfolg: Mehr als 40 Prozent davon konnten unmittelbar nach dem Abschluss positive Anschlussmöglichkeiten für sich verbuchen. Viele konnten bereits zu diesem Zeitpunkt in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis wechseln, teils direkt im bisherigen Kooperationsbetrieb. Für viele andere ergab sich die Chance, in einer anschließenden weiteren Ausbildung einen höherwertigen Berufsabschluss zu erreichen. Erfreulich auch, dass im weiteren Zeitverlauf die Zahl der ehemaligen Auszubildenden, die eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden, sukzessive steigt.

ARBEIT.NRW:

In welchen Berufen und Wirtschaftszweigen finden die Ausbildungen hauptsächlich statt?

Benedikt Willautzkat:

Das Spektrum der Ausbildungsberufe und Branchen ist breit gestreut. So bildet die Aktion mittlerweile in 132 verschiedenen Berufen aus. Dabei liegt mit rund 50 Prozent die Ausbildung im Bereich der Wirtschafts- und Verwaltungsberufe ganz vorn. Schon seit Jahren überwiegen dabei die kaufmännischen Berufe deutlich gegenüber den Verkaufsberufen. Stark vertretene Sparten sind außerdem die Berufe der Metall- und Maschinentechnik, der Lagerwirtschaft sowie Hauswirtschaft und Ernährung.
 
Erwähnenswert auch, dass der Anteil der zweijährigen Ausbildungsgänge wie etwa zur Beiköchin bzw. zum Beikoch oder zum Werker bzw. zur Werkerin deutlich abgenommen und der Anteil der dreijährigen und dreieinhalbjährigen Ausbildung im Laufe der Jahre entsprechend zugenommen hat.
 
Außerdem sind fast alle Branchen vertreten, wobei die Handelsbetriebe dominieren. Meist sind es Unternehmen, die sich auch sonst in Fragen der Ausbildung und der Integration behinderter Menschen stark engagieren.

ARBEIT.NRW:

Was genau macht nach Ihrer Ansicht die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze" so erfolgreich?

Benedikt Willautzkat:

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist sicher, dass die praktische Ausbildung überwiegend in Betrieben des ersten Arbeitsmarkts erfolgt. Das gewährleistet eine wirtschaftsnahe Ausbildung und ermöglicht zugleich, Kontakte zu möglichen Arbeitgebern zu knüpfen. Bei vier Fünfteln der Auszubildenden liegt der betriebliche Anteil ihrer praktischen Ausbildung bei mindestens 70 Prozent, wobei der Anteil der betrieblichen Ausbildung je nach Ausbildungsberuf schwankt. Wie sinnvoll die starke Präsenz der Jugendlichen im Lernort Betrieb ist, zeigt auch der hohe Anteil derjenigen, die nach erfolgreicher Prüfung im Kooperationsbetrieb verbleiben.
 
Ein zweiter Faktor für den Erfolg der Aktion ist die hohe Kompetenz der Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation, also der Berufsbildungswerke und der Berufsförderungswerke als Träger der Ausbildung. Sie beraten die Jugendlichen in ihrer Berufswahl, schließen mit ihnen den Ausbildungsvertrag ab, stellen ihnen einen Coach zur Seite, koordinieren die Ausbildung an verschiedenen Lernorten und führen individuellen Stütz- und Förderunterricht durch. Die beteiligten Betriebe wiederum werden von den Bildungsträgern bei der behindertengerechten Ausbildung beraten und - ebenso wie die Jugendlichen - während der gesamten Ausbildungszeit unterstützt.
 
Dritter Erfolgsfaktor ist die Flexibilität, die offene Gestaltung der Aktion. Sie lässt Freiräume, um auf individuelle Bedarfe der Jugendlichen, aber auch der Betriebe einzugehen. Nicht zu vergessen die eingespielte Kooperation der beteiligten Partner der Aktion, darunter die Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation und die Agenturen für Arbeit. Sie ist gewiss ein weiterer Faktor für den Erfolg.

ARBEIT.NRW:

Nun gibt es die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW" bereits seit zehn Jahren und sie wird fortgesetzt. Ist das noch nötig?

Benedikt Willautzkat:

Mit Sicherheit! Trotz guter Konjunkturlage, trotz guter rechtlicher Rahmenbedingungen und vielfältiger Initiativen hat sich die Ausbildungs- und Beschäftigungssituation von Menschen mit Behinderung insgesamt kaum verbessert. Für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik heißt das: Nicht nachlassen beim Ziel, mehr behinderte Menschen in Ausbildung und Arbeitsmarkt zu integrieren und sie so am regulären Erwerbsleben teilhaben zu lassen. Da ist noch viel zu tun.
 
Noch immer fürchten viele Unternehmen, oft irrtümlich, Mehraufwand und Produktivitätseinbußen, wenn sie überlegen, einen freien Ausbildungsplatz mit einem behinderten jungen Menschen zu besetzen. Noch immer wissen viel zu wenige Unternehmen, wie gut sie unterstützt werden, wenn sie diesen jungen Menschen tatsächlich eine Chance einräumen. Unterstützung erhalten sie von den Agenturen für Arbeit, den Integrationsfachdiensten oder auch im Rahmen der "Aktion 100". Doch trotz aller Erfolge sind wir bei der Inklusion behinderter Menschen in Ausbildung und Arbeitsmarkt noch längst nicht am Ziel. Deshalb gilt: Die Aktion wirkt - und deshalb geht sie weiter!