Gute Praxis in Oelde

Bild des Benutzers Arbeit.Meding
Gespeichert von Arbeit.Meding am 23. August 2016
Foto: Auszubildender mit seinem Chef.

Gut koordiniert in die Berufsausbildung - Ausbildung zum Technischen Produktdesigner

"100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in NRW" - Praxisbeispiel aus dem Berufsförderungswerk Hamm

Über die "Aktion 100 zusätzliche Ausbildungsplätze" absolviert Marcel Rentzsch eine Ausbildung zum Technischen Produktdesigner. Jungen Menschen mit einer Behinderung die Chance auf eine reguläre Ausbildung am ersten Arbeitsmarkt zu geben, das ist das Ziel des Landesprogramms. Wie das gelingt und welche wichtige Rolle dabei Bildungsträger und Kooperationsbetriebe spielen, zeigt ein Beispiel aus dem Berufsförderungswerk Hamm.

Profile zuschneiden, schwere Bleche zusammenschweißen - monatelang bewegte und bearbeitete Marcel Rentzsch in seinem ersten Ausbildungsjahr Tonnen an Material. Konstruktionsmechaniker wollte er werden. Doch dann, plötzlich, streikte der Körper. Leistenbruch, diagnostizierten die Ärzte, mit Folgen bis heute: Schwere körperliche Arbeit ist für den jungen Mann für immer Tabu. Einen neuen Ausbildungsplatz zu finden war unter dieser Voraussetzung und bei seinen beruflichen Interessen und Neigungen nicht leicht. Hier hat die „Aktion 100“ geholfen. Mit ihrer Unterstützung absolviert er heute eine Ausbildung zum Technischen Produktdesigner.

Geeigneter Kooperationsbetrieb

Auf die „Aktion 100“ aufmerksam gemacht hatte ihn die Reha-Beratung der Agentur für Arbeit. Sie weist Teilnehmende der Aktion ausgewählten Bildungsträgern zu, mit denen dann der Ausbildungsvertrag abgeschlossen wird. In diesem Fall war es das Berufsförderungswerk Hamm (BFW). Hier befasst sich ein Team aus Rehabilitationsausbildern, Sozialarbeitern und Psychologen mit aktuell 21 Auszubildenden der „Aktion 100“. Eine der Rehabilitationsausbilderinnen ist Dagmar Eickhoff. Zu ihren Aufgaben zählt die Unterstützung bei der Suche nach einem Kooperationsbetrieb, in dem ein Großteil der praktischen Ausbildung erfolgt. Keine leichte Aufgabe, denn es gilt, auf der Basis eines sozialmedizinischen Gutachtens der Agentur für Arbeit, der Ergebnisse eines Assessment Centers sowie weiterer Tests im BFW, einen Betrieb zu finden, der zu dem jungen Menschen mit seiner spezifischen Behinderung passt - und umgekehrt. „Vorteilhaft“, so die Ausbilderin, „sind hier unsere langjährigen und guten Beziehungen zu vielen Unternehmen aus allen Branchen in unserer Region.“

Im Fall von Marcel Rentzsch fiel die Wahl auf die Münsterland Engineering GmbH in Oelde. Schon seit über 48 Jahren besteht die Firma am Markt und versteht sich heute als dualer Ingenieursdienstleister. Dual heißt hier: Zum einen werden Projekte aus dem konstruktiven Maschinenbau und der Anlagenplanung direkt von dem Unternehmen in Eigenverantwortung durchgeführt. Zum anderen bietet das Unternehmen auf Anforderung der Kunden eine Teamverstärkung durch eigene Mitarbeiter vor Ort.

 

Für Lars Möllenhoff, einem der geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens, ist die Berücksichtigung sozialer Belange bei Personalentscheidungen eine Selbstverständlichkeit: „Wenn etwa eine Schwerhörigkeit oder eine Gehbehinderung der Auftragserledigung nicht entgegensteht, stellen wir Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen bevorzugt ein.“ Gute Voraussetzungen also für ein Vorstellungsgespräch mit Marcel Rentzsch. Der Geschäftsführer: „Seine Persönlichkeit und sein Auftreten haben uns überzeugt.“ Damit stand einer Ausbildung zum Technischen Produktdesigner nichts mehr im Wege.

Vielseitige Unterstützung

Das „Matching“ im Vorfeld ist längst nicht die einzige Dienstleistung, die das BFW Hamm im Rahmen der „Aktion 100“ erbringt. Kaum weniger wichtig ist der intensive Kontakt zu den Berufskollegs, gerade zu Beginn eines jeden Durchlaufs. Dagmar Eickhoff: „Da Auszubildende der „Aktion 100“ immer erst zum zweiten Berufsschulhalbjahr in die Ausbildung einsteigen, müssen sie die versäumten Lehrinhalte des ersten Halbjahres rasch nacharbeiten.“ Hierzu bietet das BFW professionellen Stützunterricht an. Für Marcel Rentzsch - in dieser Hinsicht eine Ausnahme - war das nach eigenen Worten nicht nötig: „Als ehemals angehender Konstruktionsmechaniker waren mir Lehrinhalte wie technisches Zeichnen und Werkstoffkunde vertraut. Deshalb bin ich von Anfang an gut mitgekommen."

Neben dem Stützunterricht gehört die sozialpädagogische Begleitung zum Standardangebot des Berufsförderungswerks Hamm, auch ausbildungsbegleitend in der Folgezeit. Doch nicht nur dem Jugendlichen, auch dem Kooperationsbetrieb steht das BFW bei Bedarf jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung. Besondere Bedeutung misst Lars Möllenhoff einer ganz speziellen Dienstleistung des BFW bei: „Egal, ob es um Anmeldungen bei der Kammer, um Prüfungsanmeldungen oder um Anträge zum Nachteilsausgleich geht - das BFW übernimmt praktisch 90 Prozent aller Verwaltungsarbeit. Das ist für uns eine enorme Entlastung.“

Falls erforderlich, finden „Dreiergespräche“ zwischen Betrieb, Auszubildendem und Träger statt. Relevant kann das werden, so Dagmar Eickhoff, „wenn zum Beispiel ein Kooperationsbetrieb wenig Rücksicht nimmt und einen Auszubildenden mit Arbeit überlastet oder wenn einem Auszubildenden wie Marcel Rentzsch entgegen der Absprache doch körperlich belastende Arbeiten auferlegt würden.“ Davon kann hier jedoch keine Rede sein. Geschäftsführer Lars Möllenhoff: „Seine Arbeit ist zu 99 Prozent eine sitzende Tätigkeit. Bei uns strengen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hauptsächlich ihre Köpfe an.“

Kreative Tätigkeit

In der Tat: Die Tätigkeit als technischer Produktdesigner ist anspruchsvoll. Gemeinsam mit Ingenieuren und Konstrukteuren sind sie an der Entwicklung und am Design verschiedener Produkte in unterschiedlichen Branchen beteiligt. Sie erstellen dreidimensionale Datenmodelle sowie technische Dokumentationen für Bauteile und Baugruppen. Aber auch Kostenberechnung, Angebotseinholung sowie Lieferanten- und Kundenkommunikation gehören zu ihrem Aufgabengebiet.

An Qualifikationen gefragt sind laut Firmenchef Lars Möllenhoff neben mathematischen Kenntnissen vor allem „die Fähigkeit, auch mal links und rechts vom Weg zu schauen“ sowie „Genauigkeit trotz Kreativität“. Nicht zu unterschätzen sei zudem die Bedeutung von psychischer Belastbarkeit: „Unsere Kunden verlangen nicht nur Qualität, sondern auch Schnelligkeit. Das erzeugt mitunter erheblichen Arbeitsdruck.“

Für Marcel Rentzsch kein Problem. Ihm gefällt bei der Einzel-, aber auch bei der Teamarbeit „in erster Linie die Arbeit mit CAD-Programmen, die Konstruktion und die Dokumentation am PC“. Er hat bereits eine vorzeitige Prüfung im Blick. Sein Arbeitgeber ist zuversichtlich. Lars Möllenhoff: „Er hat seine Chance erkannt und ergriffen. Wir sind froh, dass wir ihn über die „Aktion 100“ gefunden haben.“ Auch die weiteren beruflichen Perspektiven sind gut: „Wir haben ihm früh signalisiert: Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dann übernehmen wir ihn nach bestandener Prüfung.“

Eine Erfolgsgeschichte

Für Dagmar Eickhoff vom BFW Hamm ist das vorgestellte Beispiel „eine Erfolgsgeschichte“: „Marcel Rentzsch ist hoch motiviert und die Münsterland Engineering GmbH ist einfach ein Vorzeigeunternehmen.“ Geschäftsführer Lars Möllenhoff wiederum lobt seinerseits die „exzellenten Unterstützungsleistungen“ des BFW Hamm. Auf die Frage, ob er gegebenenfalls einem weiteren Teilnehmer der „Aktion 100“ einen Ausbildungsplatz anbieten würde, hat der Unternehmer eine klare Antwort: „Wenn sich unter den Teilnehmenden wieder eine Person findet, die im technischen Bereich eine Ausbildung absolvieren will, sind wir die ersten, die ja sagen.“

Nicht minder positiv als seine Bewertung der Kooperation mit dem Träger ist seine Wertschätzung für die „Aktion 100“ insgesamt. „Es ist gut, dass es so etwas gibt!“, lautet sein gleichermaßen knapper wie prägnanter Kommentar. Eine Meinung, die er zu hundert Prozent mit seinem Auszubildenden teilt. Marcel Rentzsch: „Ich finde die „Aktion 100“ richtig super, weil sie Menschen eine Chance gibt, die ohne sie kaum Chancen hätten. Mit ihr stehen Menschen mit einer Behinderung oder einer gesundheitlichen Einschränkung jedenfalls beim Start ins Berufsleben nicht allein da!“

Relevante

Pressemitteilungen

Weiteres

zum Thema