Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) in der Industrie

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 23. August 2016
Foto: Gruppenbild mit Auszubildenden im Straßenbau.

Entlastung für die Betriebe in der Industrie - Mehr Ausbildungsplätze und höhere Ausbildungsqualität

Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung - Minister Rainer Schmeltzer besuchte das Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW

Mehr Betriebe zur Schaffung von Ausbildungsplätzen zu motivieren und zugleich die Qualität der Ausbildung zu verbessern, das sind die zentralen Ziele der „Überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung“ (ÜLU). Vor allem kleine und mittlere Unternehmen und die Auszubildenden profitieren von dem Angebot, gefördert aus Mitteln des Landes und des ESF. Ein Bericht zeigt gute Praxis in der Industrie. Minister Rainer Schmeltzer besuchte das Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW in Kerpen.

Nicht jeder Betrieb kann alle Inhalte vermitteln, die für eine umfassende Berufsausbildung notwendig sind. Manche von ihnen verzichten deshalb darauf, einen Ausbildungsplatz zu schaffen. Anderen Betrieben wiederum fehlt im Arbeitsalltag einfach die Zeit, sich intensiv mit ihren Auszubildenden zu befassen. Darunter leidet die Ausbildungsqualität. Für beide Probleme gibt es eine Lösung: die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU). Sie ergänzt und unterstützt die Ausbildung der Betriebe. Die Folge: Die Motivation kleiner und mittlerer Unternehmen, einen Ausbildungsplatz einzurichten, steigt und die Qualität der Ausbildung wird optimiert.

Gute Praxis - Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung (ÜLU) im Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW

Das Land NRW, der Bund und die Europäische Union haben die besondere Bedeutung der ÜLU längst erkannt und ermöglichen durch ihre Förderung eine kostenreduzierte Teilnahme. Für die Betriebe bedeutet das nach Auskunft von Johannes Nebel, kaufmännischer Leiter des Berufsförderungswerks der Bauindustrie NRW gGmbH, „je nach Zahl der Teilnehmenden Einsparungen in Höhe fünfstelliger Beträge - und das ganz unbürokratisch ohne weitere Formalitäten“. Profitieren können von der Landesförderung Betriebe aus Industrie und Handel mit Auszubildenden im ersten Ausbildungsjahr sowie Handwerksbetriebe vom ersten bis zum dritten Ausbildungsjahr.
Die Überbetriebliche Lehrlingsunterweisung erfolgt im Bereich der Industrie in zertifizierten Berufsbildungsstätten der Branchen Bau, Metall, Elektro und Textil sowie Druck/Medien. Eine von ihnen ist das Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW.

Prokurist Johannes Nebel illustriert die Notwendigkeit einer ergänzenden überbetrieblichen Unterweisung an einem Beispiel aus seiner Branche: „Auf vielen Baustellen sind meist mehrere Betriebe und Subunternehmer gleichzeitig aktiv. Hier herrscht enormer Termindruck, der kaum Zeit lässt, Auszubildenden alle Grundfertigkeiten wie etwa das Gestalten von Mauerwerksverbänden oder das Bedienen einer Kreissäge zu vermitteln. Die zeitintensive Vermittlung dieser Fertigkeiten mittels überbetrieblicher Unterweisung entlastet die Unternehmen enorm.“
Ähnliches gilt für die Metall- und Elektroindustrie, wo es um Grundlehrgänge wie „Feilen, Sägen und Hämmern“ oder um die „Grundlagen der Pneumatik“ geht. Johannes Nebel: „Kapazitäten für diese Ausbildungsinhalte können Betriebe mit ein, zwei Auszubildenden kaum vorhalten. Für sie ist es kostengünstiger und effizienter, Auszubildende im Rahmen von ÜLU konzentriert in Gruppen von bis zu 15 Personen entsprechend zu qualifizieren.“

Technische Ausstattung auf höchstem Niveau

Im Bereich bauindustrieller Berufe - das gilt vom Maurer und Rohrleitungsbauer bis hin zum Beton- und Stahlbetonbauer - dauern die überbetrieblichen Lehrgänge im ersten Ausbildungsjahr bis zu 20 Wochen, aufgeteilt in mehrere Blöcke. Vermittelt wird hier, „was die Ausbildungsordnung vorsieht“. Das umfasst auch die Vorbereitung auf die Prüfung.
ÜLU bietet Teilnehmenden aber auch die Chance Fertigkeiten zu erwerben, die über die alltäglichen Arbeitsabläufe hinausgehen. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten zum Einsatz der Auszubildenden im Betrieb. Auch hier nennt Johannes Nebel ein konkretes Beispiel: „BIM“, das „Building Information Modeling“. „BIM“, so der Prokurist, „optimiert die Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden mit Hilfe von Software. Dabei werden alle relevanten Gebäudedaten digital erfasst und vernetzt. Das Gebäude wird  auch geometrisch visualisiert und zeigt in 4-D, welcher Betrieb mit welchem Gewerk zu welchem Zeitpunkt an der Reihe ist. Auf die Vermittlung dieser High Tech-Kenntnisse sind viele kleinere oder mittlere Betriebe nicht spezialisiert. Das funktioniert nur überbetrieblich oder in teuren Fachlehrgängen.“

Nicht nur in diesem konkreten Fall, sondern grundsätzlich ist die technische Ausstattung der mit ÜLU betrauten Berufsbildungsstätten auf höchstem Niveau. Das betrifft die Walz-, Druck- und Stanzmaschinen im Metallbereich genauso wie die Hochbaukräne oder die 18-Tonnen-Raupenbagger in der Bauindustrie. Johannes Nebel: „Das kann sich nicht jede Firma leisten.“
Aber auch der Erwerb eines Baggerladescheins, der nicht zum regulären Ausbildungsprogramm zählt, ist bei entsprechendem Bedarf der Betriebe möglich. Zum Abschluss der Lehrgänge erhalten die Auszubildenden ein Teilnahme-Zertifikat. Ausgewiesen sind darin nicht nur die fachlichen Leistungen, sondern auch Selbstständigkeit und Handlungskompetenz, Präzision und Teamfähigkeit - unverzichtbare Kompetenzen in einer immer komplexeren Arbeitswelt.

Hochqualifizierte Ausbilderinnen und Ausbilder

Die schulischen und persönlichen Voraussetzungen der Auszubildenden in der überbetrieblichen Unterweisung könnten unterschiedlicher kaum sein. Vertreten sind hier Haupt- und Realschulabsolventen ebenso wie junge Menschen mit Abitur, die einen dualen Studiengang etwa als Bauzeichner absolvieren. Hier arbeitet das Berufsförderungswerk der Bauindustrie NRW übrigens eng mit nordrhein-westfälischen Hochschulen zusammen.
So heterogen die individuelle Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden mitunter ist: „Keiner geht unter“, versichert Johannes Nebel: „Unsere Ausbilderinnen und Ausbilder merken schnell, wer in der Gruppe nicht mit kommt. Lernschwache Auszubildende werden dann im Rahmen von ÜLU gezielt gefördert.“
Verantwortlich für die Durchführung der Lehrgänge sind anerkannte Ausbildungsmeisterinnen und -meister. In der Bauindustrie sind das zum Beispiel geprüfte Poliere oder Industriemeister „Bau“. Sie alle haben zuvor eine Ausbildereignungsprüfung abgelegt. Stetige Fortbildung ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Johannes Nebel: „Einige unserer Teilnehmenden lassen sich zu „Bauwerksmechanikern für Abbruch und Betontrenntechnik“ ausbilden. Sie haben bei ihrer Arbeit oft mit Asbest zu tun. Also müssen unsere Ausbilderinnen und Ausbilder zuvor in Spezialseminaren selbst lernen, was im Umgang mit dem Material zu beachten ist. Aber auch aufgrund der stetigen technischen Weiterentwicklung in den einzelnen Fachbereichen besteht für sie eine Weiterbildungspflicht.“

Ausbildungsplatzchancen für alle Jugendlichen verbessern

Rund 1.600 Auszubildende aus 900 meist mittelständischen Betrieben nehmen derzeit ÜLU in Anspruch, darunter 320 Unternehmen und etwa 700 Auszubildende aus der Bauindustrie NRW.
Auch zukünftig, ist Nebel überzeugt, führt an ÜLU kein Weg vorbei, im Gegenteil: „Die Anforderungen an die Auszubildenden in den einzelnen Berufsbildern steigen, die technische Entwicklung schreitet unaufhaltbar voran. Ohne ÜLU wären viele Betriebe bei der Ausbildung komplett überfordert - oder würden erst gar nicht ausbilden.“

Mit ÜLU als sinnvoller Ergänzung zur betrieblichen Ausbildung können  auch Lernschwächere zu dringend benötigten Fachkräften avancieren

Noch aus einem weiteren Grund wächst nach Ansicht des Bildungsexperten die Bedeutung von ÜLU: „Die Zahl der noch nicht ausbildungsfähigen Schulabsolventinnen und -absolventen steigt. Freie Ausbildungsplätze bleiben so unbesetzt, denn viele Betriebe unserer Branche zum Beispiel würden Jugendliche mit einer schlechten Mathematiknote und ohne räumliches Vorstellungsvermögen nicht nehmen, weil sie vermutlich nicht in der Lage sind, Baupläne zu lesen. In diesen Fällen können wir die Unternehmen oft dazu bewegen, ihren freien Ausbildungsplatz dennoch mit ihnen zu besetzen, indem wir versichern: Über ULU schaffen wir es schon, die Defizite auszugleichen, und in den meisten Fällen bewahrheitet sich das auch. Mit ÜLU als sinnvoller Ergänzung zur betrieblichen Ausbildung können also auch Lernschwächere zu dringend benötigten Fachkräften avancieren.“

 

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