Interview Anne Gollenbeck, G.I.B.

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Anne Gollenbeck, G.I.B.-Beraterin
Interview

"Den arbeitslosen Menschen als Ganzes im Blick"

Interview mit der G.I.B.-Beraterin Anne Gollenbeck zu den Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen in Nordrhein-Westfalen

Die Landesberatungsgesellschaft G.I.B. begleitet das Förderangebot der Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen mit einem umfassenden Beratungs- und Fortbildungsservice. G.I.B.-Beraterin Anne Gollenbeck erläutert im Interview das Förderangebot und bisherige Umsetzungserfahren.

ARBEIT.NRW:

Frau Gollenbeck, nach einer Zwischenphase der Nicht-Förderung fördert das Land NRW seit 2011 wieder Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen. Worin genau unterscheiden sich die Angebote der beiden Einrichtungen?

Anne Gollenbeck:

Das Konzept der Arbeitslosenzentren ist es, einen Ort der Begegnung für arbeitslose Menschen zu schaffen, um so einer Vereinsamung vorzubeugen, von der vor allem Langzeitarbeitslose betroffen sind. Dazu stellen alle Arbeitslosenzentren Räumlichkeiten zur Verfügung, in denen Betroffene Kontakte knüpfen können. Zur Grundausstattung der meisten Arbeitslosenzentren gehört ein Computerraum mit der Möglichkeit für Arbeitslose, im Internet nach Stellen zu recherchieren oder Bewerbungsunterlagen zu erstellen. Gegen ein geringes Entgelt bieten einige Einrichtungen auch Getränke, Frühstück oder eine warme Mahlzeit an.

Darüber hinaus gibt es ein breit gefächertes Angebot, das von Ort zu Ort differiert. Es werden Seminare, Kurse und Informationsveranstaltungen angeboten, dazu zählen z. B. Sport-, Deutsch- und andere Sprachkurse, handwerklich orientierte Projekte oder auch Zeitungsprojekte. Daneben gibt es alltagspraktische Angebote wie Vorträge oder Kurse zur Energieberatung sowie zu den Themen gesunde Ernährung und preiswertes Einkaufen nach dem Motto „Wie komme ich mit meinem Hartz IV-Geld zurecht und ernähre mich gesund“.

Oft engagieren sich in den Arbeitslosenzentren auch Ehrenamtliche, die entsprechend ihrer eigenen Profession Ideen entwickeln und so für ein vielfältiges Angebot sorgen. Manche Arbeitslosenzentren fragen zudem regelmäßig ihre Besucherinnen und Besucher, was ihnen selbst wichtig ist und wünschenswert erscheint. So ist sichergestellt, dass die Angebote auch bedarfsorientiert sind.

ARBEIT.NRW:

Das Konzept der Erwerbslosenberatungsstellen ist - trotz gleicher Zielgruppe, nämlich arbeitsloser Menschen - ein anderes?

Anne Gollenbeck:

Ja, Erwerbslosenberatungsstellen haben im Unterschied zu Arbeitslosenzentren den Auftrag, die Ratsuchenden mit Hilfe diverser Unterstützungsangebote bei der beruflichen Entwicklung wieder näher an den Arbeitsmarkt heranzuführen und so zu ihrer gesellschaftlichen Integration beizutragen.

Dazu bieten sie individuelle Einzelberatungen mit einem ganzheitlichen Beratungsansatz an, um so den oft vielfältigen Problemlagen arbeitsloser Menschen wirklich gerecht werden zu können. Bei der Erstberatung stehen meist sozialrechtliche Fragen sowie Klärungen zur wirtschaftlichen Situation im Vordergrund. In diesem Kontext unterstützen die Erwerbslosenberatungsstellen Arbeitslose gegebenenfalls bei ihren berechtigt erscheinenden Widersprüchen gegen die Bescheide von Arbeitsagentur und Jobcenter, damit sie ihre Rechte gegenüber diesen Einrichtungen auch durchsetzen können. In vielen Fällen geht es zunächst darum, Bescheide von Arbeitsagentur oder Jobcenter in eine verständliche Sprache zu übersetzen, damit die Entscheidung für arbeitslose Ratsuchende transparenter wird.

Nach Klärung der rechtlichen Fragen stehen bei möglichen Folgeberatungen eher andere Themen im Fokus, wie z.B. Arbeitssuche, Gesundheitsförderung und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, aber auch familiäre und persönliche Probleme wie Schulden oder Sucht. Der ganzheitliche Beratungsansatz ermöglicht den Erwerbslosenberatungsstellen, Arbeitslose nach intensiven Gesprächen bei Bedarf gezielt an kommunale Einrichtungen wie Jugendämter und Wohngeldstellen, an Schuldner- und Migrationsberatung, Kranken- und Rentenversicherungsträger oder psychosoziale Beratungsstellen zu verweisen. Erwerbslosenberatungsstellen haben also immer den Menschen als Ganzes im Blick. Damit ist, ganz im Sinne der Intentionen des Landes NRW, eine trägerunabhängige, am Individuum orientierte Sozialberatung garantiert.

ARBEIT.NRW:

Ziel der Erwerbslosenberatungsstellen ist letztlich die (Re-)Integration der Arbeitslosen ins Erwerbsleben. Wie kann sie mit Hilfe der Erwerbslosenberatung besser oder schneller gelingen?

Anne Gollenbeck:

Erwerbslosenberatungsstellen bieten arbeitslosen Ratsuchenden Unterstützung bei ihrer weiteren beruflichen Entwicklung, also bei der beruflichen Neuorientierung, bei der Berufsfindung oder der Auswahl von Bildungsangeboten. Damit sind sie Lotsen und Wegbereiter für erwerbslose Menschen, mit dem Ziel ihrer Stabilisierung und Aktivierung sowie der Integration in weitergehende Qualifizierung und Beschäftigung.

Im Rahmen ihrer fachlichen Begleitung unterstützt die G.I.B. die Beraterinnen und Berater hier durch entsprechende Fortbildungsangebote. Ein interessantes Projekt in diesem Zusammenhang ist die Übertragung des „Selbstvermittlungscoachings“, das im Rahmen eines landesgeförderten Modellprojektes entwickelt wurde, auf die Arbeit in den Erwerbslosenberatungsstellen. In dieser Workshopreihe erprobten 11 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Erwerbslosenberatungsstellen die Methoden an sich selbst, daneben fand eine praktische Umsetzung in den eigenen Einrichtungen statt. Die daraus gewonnen Erkenntnisse stehen nun, in einem Leitfaden zusammengefasst, allen Erwerbslosenberatungsstellen zur Verfügung. Andere Erwerbslosenberatungsstellen haben Gruppenangebote entwickelt, die etwa ein Bewerbungstraining beinhalten und bei denen der Talentkompass NRW zum Einsatz kommt.

So unterschiedlich die Angebote von Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen auch sind: Eine strikte Grenze lässt sich hinsichtlich der Zielgruppen nicht ziehen, die Übergänge sind fließend.

ARBEIT.NRW:

Welche Bedeutung haben Kooperationen mit anderen Partnern in dem Handlungsfeld oder Netzwerke?

Anne Gollenbeck:

Die Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen sind in vielen Regionen untereinander gut vernetzt. Enge Kooperationen bestehen darüber hinaus mit Qualifizierungsträgern, die Maßnahmen der Jobcenter und Arbeitsagenturen umsetzen, sowie mit anderen Beratungsstellen wie etwa Jugendämtern oder Migrations-, Schuldner- und Suchtberatungsstellen. Im Aufbau sind zurzeit, und das ist sehr zu begrüßen, Kooperationen mit den Beratungsstellen zur beruflichen Entwicklung (BBE), insbesondere im Kontext der Anerkennung ausländische Berufsabschlüsse.

Ein weiterer wichtiger Netzwerkpartner sind die Jobcenter, sie haben eine herausragende Bedeutung für die Arbeit der Erwerbslosenberatungsstellen und Zentren, insbesondere wenn es um die Klärung von Einzel-Fragen zu den Leistungsbescheiden geht. Darüber hinaus wissen vor allem die Kolleginnen und Kollegen aus dem Fallmanagement der Jobcenter die gute Vernetzung der Beratungsstellen und Zentren in der Region und ihren genauen Überblick über sonstige Unterstützungsangebote zu schätzen. Zum Teil sind die Erwerbslosenberatungsstellen, wie zum Beispiel in Köln, auch Mitglieder im regionalen Beirat der Jobcenter. Die Beiräte sollen bei der Entwicklung regionaler Lösungskonzepte helfen, die Rahmenkriterien der Arbeitsmarktpolitik miterarbeiten, Zukunftsthemen ansprechen und den gesellschaftlichen Konsens fördern.

Wie der gesellschaftliche Konsens gefördert werden kann, ist etwa in Münster-Kinderhaus erkennbar. Hier ist das Arbeitslosenzentrum an das Bürgerbüro angebunden und fungiert in dem Ortsteil als offizieller Szenetreffpunkt und damit als Alternative zu Aufenthalten in Kneipen oder Parks. Das ist für alle Seiten eine win-win-Situation. Insofern sind die Einrichtungen auch von hoher Relevanz für den Sozialraum Stadt.

ARBEIT.NRW:

Wie erfolgt die Auswahl der Träger von Arbeitslosenzentren und Erwerbungslosenberatungsstellen, was garantiert die Qualität ihres Angebots?

Anne Gollenbeck:

Eine Vorabauswahl der Träger erfolgte im Rahmen der Strukturen der regionalisierten Landesarbeitspolitik in den Lenkungskreisen der 16 Arbeitsmarktregionen. Um anerkannt zu werden, müssen sie fundierte Erfahrungen in ihrem Arbeitsfeld nachweisen. Das Fachpersonal in den Erwerbslosenberatungsstellen muss mindestens über einen Bachelorabschluss oder über den Abschluss eines Fachhochschulabschlusses verfügen, idealerweise in einer pädagogischen oder sozialwissenschaftlichen Disziplin. Zudem müssen sie über Beratungs-, Gesprächsführungs- und Moderationskompetenzen verfügen, über Kenntnisse in den Rechtskreisen von SGB II und III sowie über den regionalen Arbeitsmarkt und die regionalen Bildungseinrichtungen, aber auch über kulturelle Besonderheiten bei Erwerbslosen mit Migrationshintergrund.

Um die Kolleginnen und Kollegen in den Erwerbslosenberatungsstellen und Arbeitslosenzentren bei der Qualitätsentwicklung und -sicherung zu unterstützen, bietet die G.I.B. ein regelmäßiges Fortbildungsangebot und Erfahrungsaustausche an. Schwerpunkte hier sind rechtliche Neuerungen oder auch Beratungsansätze wie etwa die systemische Beratung, der Einsatz mediativer Methoden in der Erwerbslosenberatung, das Training von Beratungs- und Gesprächssituationen sowie ein Eskalationstraining für den Fall verbaler Übergriffe, die leider auch festzustellen sind.

Auf Wunsch und Anfrage bietet die G.I.B. Einzelberatungen sowohl für die beteiligten Träger von Beratungsstellen und Zentren als auch für die dort tätigen Beraterinnen und Berater an. Ergänzend zu den G.I.B.- Fachveranstaltungen haben die meisten Regionalagenturen in ihren Regionen Runde Tische organisiert, um so den Erfahrungsaustausch zwischen den Einrichtungen zu gewährleisten.

ARBEIT.NRW:

Zwischenzeitlich sind die Einrichtungen evaluiert worden. Was sind die zentralen Ergebnisse?

Anne Gollenbeck:

Die Ziele sind sowohl in qualitativer wie quantitativer Hinsicht erreicht. Nur eine Zahl zur Illustration: In den Erwerbslosenberatungsstellen finden pro Jahr über 40.000 ausführliche Beratungen statt, hinzu kommt eine weit größere Zahl an Kurzberatungen. Dabei stellen wir fest, dass der Anteil der Folgeberatungen im Vergleich zu den Erstberatungen steigt. Das ist als Hinweis auf die steigende Komplexität der Anliegen zu werten. Sie entsteht, weil sich immer mehr Menschen mit verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit und vielfältigen Problemlagen beraten lassen. Insbesondere für sie sind die Einrichtungen von immenser Bedeutung. Aus dem institutionellen Gefüge zur (Re-)Integration arbeitsloser Menschen sind sie deswegen kaum mehr wegzudenken.