Gute Praxis in Mönchengladbach

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Foto: Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V.

Alles unter einem Dach. Arbeitslosen- und Sozialberatung von A bis Z

Arbeitslosenzentrum und Erwerbslosenberatung in Mönchengladbach

Arbeitslosenzentrum und Erwerbslosenberatung sind in Mönchengladbach unter einem Dach zusammengefasst und werden in gemeinsamer Trägerschaft des Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V. betrieben. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist in der niederrheinischen Kommune besonders hoch.

Gute Praxis - Arbeitslosenzentrum und Erwerbslosenberatungsstelle in Mönchengladbach 

Arbeitslose Menschen, vor allem Langzeitarbeitslose, finden in Nordrhein-Westfalen Unterstützung in Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen. In Mönchengladbach existieren die beiden Einrichtungen in gemeinsamer Trägerschaft des „Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V.“ unter einem Dach. Gefördert wird die Einrichtung aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und des Europäischen Sozialfonds (ESF).

Die Nachwirkungen sind bis heute spürbar: Anfang der achtziger Jahre ließ die Strukturkrise der damals in Mönchengladbach dominierenden Textil- und Bekleidungsindustrie die Zahl der Arbeitslosen binnen kürzester Zeit um das Dreifache hochschnellen, 13.000 Arbeitslosen standen gerade mal 1.000 offene Arbeitsplätze gegenüber. Die Ansiedlung neuer Unternehmen konnte den dramatischen Arbeitsplatzverlust nicht kompensieren. Viele derjenigen, die damals ihren Arbeitsplatz verloren, sind bis heute erwerbslos. Entsprechend hoch ist mit rund 50 Prozent der Anteil der Langzeitarbeitslosen in der niederrheinischen Kommune.

Vor allem die Arbeiter- und Betriebsseelsorge der Katholischen Kirche kümmerte sich damals um die Arbeitslosen, darunter viele Migranten aus Italien, Spanien, Portugal und der Türkei. Institutionelles Resultat des Engagements war die Gründung des „Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V.“. Heute existieren hier das Arbeitslosenzentrum und die Erwerbslosenberatungsstelle unter einem Dach.

Arbeitslosenzentrum: Isolation verhindern

Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und nicht rasch wieder eine neue Stelle finden, weiß Karl Sasserath, Leiter des Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V., ziehen sich zurück und sind mit zunehmender Dauer ihrer Arbeitslosigkeit auch für Beratungs- und Hilfeangebote kaum mehr erreichbar: „Arbeitsplatzverlust bedeutet mehr als nur den Verlust von Einkommen. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, verliert zugleich seine Alltagsstruktur, sieht keinen Grund mehr, morgens aufzustehen. Zudem leben in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen in Ein-Personen-Haushalten und geraten mit länger andauernder Arbeitslosigkeit in eine psycho-soziale Existenzkrise.“

Um sie zu motivieren, das Arbeitslosenzentrum aufzusuchen und so soziale Ausgrenzung zu verhindern, hat sich der Verein für die meist einkommensschwachen (Langzeit-)Arbeitslosen ein attraktives Angebot einfallen lassen und eine „Betriebskantine“ eingerichtet: Einen Mittagstisch, der ihnen in gepflegtem Ambiente - „darauf legen wir großen Wert“ - für zwei Euro (Kinder 1 Euro) täglich von Montag bis Freitag in der Zeit von halb zwölf bis 13.45 Uhr eine warme Mahlzeit bietet. Karl Sasserath: „Das gemeinsame Mittagessen mit Unbekannten konstituiert eine Gemeinschaft für Menschen, die sonst oft wie atomisiert in unserer für sie als anonym erfahrenen Gesellschaft leben.“

Das Angebot stößt auf starkes Interesse, wie über 10.000 pro Jahr ausgegebene Essen eindrucksvoll dokumentieren. Damit die subventionierten Mahlzeiten tatsächlich nur Bedürftigen zugutekommen, muss jede Person, die das Angebot in Anspruch nimmt, ihren Leistungsbescheid von Jobcenter oder Arbeitsagentur vorlegen. Die „Einkommensprüfung“ hat aber noch einen weiteren positiven Effekt: „So kommen wir mit den Arbeitslosen ins Gespräch, erfahren etwas über ihre Lebenssituation und eventuell weitere Hilfebedürftigkeit.“

Gleich neben der Kantine steht den Arbeitslosen ein Begegnungsraum zur Verfügung: „Hier können sie sich stundenweise oder auch den ganzen Tag aufhalten, können Tageszeitungen lesen, Schachspielen oder eigenverantwortlich ihre gemeinsamen Freizeitaktivitäten planen.“ Wer Hilfe bei der Erstellung und Aktualisierung von Bewerbungsunterlagen oder bei der Recherche von Stellenangeboten im Internet benötigt, findet im angrenzenden Medienraum, also ohne zeitliche oder institutionelle Barriere, professionelle Ansprechpartner. Wer will, kann seine Bewerbungsunterlagen hier aber auch selbstständig am PC erstellen. Über 50 Besuchskontakte zählt der Projektbereich des Arbeitslosenzentrums durchschnittlich an jedem Öffnungstag. Dabei erfreut sich Angebot nicht nur bei  Männern sondern auch bei Frauen eines guten Zuspruchs. Auch die vom Verein jedes Jahr für erwerbslose Menschen und ihre Angehörigen ausgerichtete Weihnachtsfeier findet große Resonanz.

Erwerbslosenberatungsstelle: Arbeitslosen- und Sozialberatung von A bis Z

An einen größeren Personenkreis, an alle Arbeitslose und deren Familienangehörige wie auch an Personen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, wendet sich die im selben Haus angesiedelte Erwerbslosenberatungsstelle mit ihrer Arbeitslosen- und Sozialberatung. Hier finden Ratsuchende Antworten auf alle Fragen im Kontext ihrer drohenden oder bestehenden Arbeitslosigkeit. Das reicht vom Leistungsrecht über das Ausfüllen von Anträgen bis hin zur Unterstützung bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Zum Leistungsspektrum gehört aber auch die Beratung zur beruflichen Entwicklung und Weiterbildung: „Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit Bedrohte, die sich zur Krankenpflegerin oder zum Altenpfleger weiterqualifizieren lassen wollen, fragen etwa, welche Fördermöglichkeiten es gibt und ob sie den Bildungsscheck NRW in Anspruch nehmen können.“

Besonders nützlich ist das umfassende Angebot für Menschen mit Lese- und Schreibschwäche - „allein für Mönchengladbach wird ihre Zahl auf 26.000 geschätzt“ - sowie für Migrantinnen und Migranten. „Viele von ihnen, insbesondere jene, die noch nicht lange in Deutschland leben“, so Karl Sasserath, „haben einen erhöhten Erklärungsbedarf.“

Im Jahr 2013 zählte die Erwerbslosenberatungsstelle 1.117 Beratungskontakte. Dabei verteilten sich die Beratungskontakte auf 607 Frauen und auf 510 Männer. Damit die Einrichtung ihrer starken Nachfrage gerecht werden kann, hat der Verein daneben noch einen Leistungsvertrag über die Förderung einer Sozialberatung mit der Stadt abgeschlossen. Im Jahr 2013 zählte die Sozialberatung 1.033 Beratungskontakte. Dabei verteilten sich die Beratungskontakte auf 619 Frauen und auf 414 Männer.

Im Vordergrund der Arbeit von Erwerbslosenberatungsstelle und Sozialberatung stehen die Sicherung der Existenzgrundlage sowie die Unterstützung Ratsuchender bei der Überwindung ihrer Hilfebedürftigkeit. Personen, die länger als drei Stunden täglich arbeiten können, werden „über Anspruchsgrundlage, die Art und den Umfang der zustehenden Leistungen nach SGB II, die anderen nach SGB XII informiert und wie sie durchsetzbar sind. Zugleich erfahren sie, welche Mitwirkungspflichten sie zu erfüllen haben.“ Darüber hinaus umfasst die Beratung Hilfe beim Formulieren von Anträgen und Schriftsätzen, nicht jedoch das Führen eines Rechtstreits.

Weiterer Bestandteil der Beratung ist die Information zur Inanspruchnahme vorrangiger Leistungen anderer Leistungsträger, wie zum Beispiel Agentur für Arbeit, Krankenkassen, Rentenversicherungen oder Pflegekassen sowie zu Wohngeld, Kindergeld oder Hilfen für werdende Mütter und Unterhaltsleistungen. Einzelfallberatungen führt das Arbeitslosenzentrum entsprechend den Regelungen zu unentgeltlichen Beratungen nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz durch.

Die psychosoziale Betreuung von Arbeitslosen, laut SGB II § 16 Pflichtaufgabe der Kommune, hat die Stadt Mönchengladbach vertraglich an das Zentrum delegiert. Karl Sasserath: „Manche fragen uns nach Überwindung einer langen Depressionsphase, wie sie wieder an Arbeit kommen können. Wir versuchen, für jeden eine auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Lösung zu finden.“

Komplexes Netzwerk

Neben der Beratung zu allen Fragen, die originär mit Arbeitslosigkeit verbunden sind, obliegt der Stelle die Koordination der Arbeitslosenzentren am Ort und die Zusammenarbeit mit allen anderen Einrichtungen im Arbeitsfeld. Für eine professionelle Beratung sorgt nicht zuletzt die enge Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jobcenter, etwa bei leistungsrechtlichen Fragen. Karl Sasserath: „Manche Ratsuchenden kommen zu uns, weil ihnen vom Jobcenter kein Geld überwiesen worden ist, wegen Ungereimtheiten im Leistungsbescheid oder bei Fragen der Zumutbarkeit angebotener Jobs. In diesen Fällen können wir uns immer unbürokratisch an die zuständige Stelle im Jobcenter wenden.“

Auf die Frage, warum sich die Ratsuchenden mit ihrem Anliegen nicht direkt an das Jobcenter wenden, bietet der Leiter des Zentrums mit einer rhetorischen Frage zugleich eine plausible Erklärung: „Wer lässt schon seine Steuerklärung vom Finanzamt ausfüllen? Wir sind ein Projekt mit einer sozialen Interessenvertretung. Unser Handeln entspringt keinem behördlichen Kontext. Dass wir über keine Sanktionsmittel verfügen und keine Sozialdisziplinierungseinrichtung sind, verschafft uns einen Vertrauensvorschuss.“

Weitere unverzichtbare Kooperationspartner, neben dem Jobcenter, sind die regionalen Beschäftigungs- und Qualifizierungsträger, die Wohlfahrtsverbände, Rehabilitationsträger und die Schuldnerberatung. „Bei Bedarf werden Ratsuchende von uns immer passgenau an die richtige Stelle weitergeleitet.“ Umgekehrt fragen aber auch die Kooperationspartner das Spezialwissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Mönchengladbacher Einrichtung nach: „Unternehmen wollen zum Beispiel wissen, ob es Fördermöglichkeiten gibt für einen Arbeitslosen, den sie einstellen wollen.“ Als Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband ist der Trägerverein in Weiterbildungsnetzwerken verortet, das Know-how folglich immer auf neuestem Stand - so wie es im Landesprogramm gefordert ist.

Finanzierung aus öffentlicher und privater Hand

Mönchengladbach ist eine Stadt mit einer reichen sozialen Tradition. Wie groß dabei die Wertschätzung des „Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V.“ in der Region ist, beweist die Liste der Fördergeber des Vereins. Dazu zählen die Josef und Hilde Wilbertz Stiftung Mönchengladbach, der Solidaritätsfonds der Katholischen Kirche im Bistum Aachen, die Stadtsparkasse Mönchengladbach und die Diergardt-Stiftung. Die Einrichtung ist in einer städtischen Immobilie untergebracht; daneben engagiert sich die Stadt Mönchengladbach mit einem Leistungsvertrag.

Friedrich Wilhelm Scholz von der Diergardt-Stiftung und zugleich Vizepräsident der IHK Mittlerer Niederrhein begründet das Engagement der von ihm vertretenen Stiftung so: „Unsere Gelder sollen vor allem älteren, von Krankheit oder Arbeitslosigkeit betroffenen oder bedrohten Menschen  zugutekommen, sind also bei den Langzeitarbeitslosen, die das Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach e.V. aufsuchen, gut angelegt. Wir haben uns die Einrichtung vor Ort angesehen und lassen uns regelmäßig über die Entwicklung der Fallzahlen berichten. Über die Jahre hat sich der Eindruck gefestigt, dass hier nachhaltig gute Arbeit geleistet wird und die Stiftungsgelder tatsächlich bei den arbeitslosen Menschen ankommen und nicht in Verwaltungsstrukturen versickern. Die Tatsache, dass die Einrichtung vom Arbeitsministerium NRW gefördert wird, dokumentiert in unseren Augen die Notwendigkeit von Arbeitslosenzentrum und Erwerbslosenberatungsstelle und hat die Entscheidung für unser finanzielles Engagement in dieser für den Sozialraum Mönchengladbach unverzichtbaren Anlaufstelle zusätzlich verstärkt.“ Den bedeutenden Impuls öffentlicher Förderung bestätigt auch Karl Sasserath: „Mit jedem Euro, mit dem das Land Nordrhein-Westfalen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds unser Arbeitsloszentrum und unsere Erwerbslosenberatungsstelle finanziell unterstützt, holen wir drei weitere über andere Spenden-, Kosten und Zuwendungsträger herein“.

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