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Foto: Ein Mann und zwei Frauen umarmen sich herzlich und lächeln in die Kamera

Auszeichnung für die aktive Gestaltung des demografischen Wandels im Betrieb

Festveranstaltung zur Siegelverleihung "Demografie aktiv" - Neun Betriebe ausgezeichnet

Die Initiative "Demografie aktiv" zeichnete neun Unternehmen für ihr besonderes Engagement aus. Das Siegel "Demografie aktiv" bescheinigt den Unternehmen Engagement und Kompetenz in der betrieblichen Gestaltung des demografischen Wandels. Bericht und Fotogalerie informieren.

Siegelverleihung „Demografie aktiv“ - Neun Betriebe für Gestaltung des demografischen Wandels ausgezeichnet

Die Initiative „Demografie aktiv“ richtet sich an Unternehmen, Interessenvertretungen und Beschäftigte, die die Vorteile einer demografiebewussten Unternehmensstrategie nutzen wollen. Träger der bundesweit einzigartigen Initiative sind das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW, die Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW und der Deutsche Gewerkschaftsbund NRW.

In Düsseldorf zeichneten die Träger am 18. Mai 2015 neun Unternehmen mit dem Siegel „Demografie aktiv“ aus. Das Siegel bescheinigt Unternehmen ausgewiesenes Engagement und Kompetenz in der betrieblichen Gestaltung des demografischen Wandels.
 

Vorbei die Zeiten, in denen Unternehmen meinten, den demografischen Wandel als gesellschaftspolitisches Zukunftsproblem und damit als nachrangig gegenüber anderen, aktuellen Herausforderungen im Betriebsalltag ignorieren zu können. „Heute“, so der Befund von Prof. Dr.-Ing. Ralph Bruder von der TU Darmstadt in seiner Eröffnungsrede, „ist der demografische Wandel bei den Unternehmen angekommen“.

Gesunde, qualifizierende und motivierende Beschäftigung

Seine Erkenntnis resultiert aus mehrjährigen Forschungen in der Automobilindustrie. Hier steigt das Durchschnittsalter der Belegschaft kontinuierlich, hier ist die höchste Beschäftigung von Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung zu verzeichnen, hier steigt die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit „einsatzkritischen Einschränkungen“ stetig. Anlass zum Nachdenken geben auch die vom Referenten angeführten Umfrageergebnisse eines Meinungsforschungsinstituts. Demnach wünschen sich - „wenn Geld keine Rolle spielen würde“ - mehr als 20 Prozent der 30-39 jährigen ein Renteneintrittsalter schon mit 50 bis 54 Jahren. Grund genug für ihn die Frage zu stellen: „Wie gelingt es, länger arbeiten zu können - und zu wollen?“.

Die Antwort lieferte der Arbeitswissenschaftler gleich mit. Er zeigte Lösungsansätze und betriebliche Handlungsfelder auf. Dazu zählen Arbeitsorganisation und betriebliche Gesundheitsförderung, Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung, betriebliches Eingliederungsmanagement, Personalplanentwicklung und Laufbahngestaltung, Weiterbildung, Qualifizierung und Wissenstransfer - nicht punktuell und isoliert betrachtet, sondern koordiniert und in Zusammenarbeit mit externen Akteuren.

Gleichzeitig betonte Professor Buder die entscheidende Rolle von Führungskräften im „Altersmanagement“ und plädierte dafür, bei der „demografiebewussten Gestaltung der Arbeit“ zukünftig die Digitalisierung der Arbeitswelt, wie sie zum Beispiel im Einsatz technikgestützter Pflege-Assistenzsysteme zum Ausdruck kommt, stärker zu berücksichtigen. Sein Fazit: „Eine gesunde, qualifizierende und motivierende Beschäftigung ist für jüngere und ältere Menschen eine wesentliche Voraussetzung für eine längere Beschäftigungszeit.“

Betriebe und Beschäftigte gemeinsam

So sehen das auch Geschäftsführung und Interessenvertretung der in Düsseldorf mit dem Siegel ausgezeichneten Betriebe. Zu ihnen gehört die Firma „Merten by Schneider Electric“, ein weltweit agierender Spezialist für Energiemanagement. Hier war der Betriebsrat die treibende Kraft, das Thema „betriebliche Gestaltung des demografischen Wandels“ auf die Agenda zu setzen. Betriebsratsvorsitzender Ortwin Kallidat konnte die Unternehmensleitung rasch davon überzeugen, „altersgerechte Arbeitsplätze“ zu schaffen. Dass bei deren Gestaltung die Beschäftigten zum Beispiel in Workshop-Gruppen zur Identifizierung von Handlungsfeldern einzubeziehen sind, stand für Geschäftsführer Holger Obergföll und die Personalverantwortliche Kirsten Bramsiepe von Beginn an fest. Trotz aller Erfolge und trotz Auszeichnung sind sich Geschäftsführung und Betriebsrat einig: „Mit dem Siegel ist der Prozess nicht abgeschlossen. Es ist nur ein erster, aber wichtiger Schritt, um unserer Unternehmen ´demografiefest` zu machen.“

Das Siegel ist ein erster, aber wichtiger Schritt, um unserer Unternehmen demografiefest zu machen.

Auf dem richtigen Weg ist auch die Bleistahl GmbH & Co. Holding KG aus Wetter an der Ruhr, Produzent von Ventilsitzringen und Ventilführungen und damit Zulieferer der Automobilindustrie. Das mittelständische Unternehmen mit rund 400 Beschäftigten wollte sein Engagement zur betrieblichen Bewältigung des demografischen Wandels ergänzen und intensivieren, berichteten Personalleiter Sven Köster und Betriebsratsmitglied Rainer Hedtmann. Mit Unterstützung der Initiative Demografie aktiv realisierte das Unternehmen gleich mehrere Neuerungen. Dazu zählen - Stichwort „Wissensmanagement“ - die Installation einer Datenbank, in der das (Erfahrungs-)Wissen der älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gespeichert und so den Jüngeren zugänglich ist, ein „Familienservice“ für Beschäftigte, die Angehörige pflegen müssen, die Einrichtung eines Schülerlabors, in der junge Menschen den Umgang mit Werkzeugen erlernen können, die berufliche Weiterbildung unqualifizierter junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Bereitstellung von „betrieblichen Schnupperkursen“ für sozial benachteiligte Jugendliche, an deren Ende der Beginn einer dualen Berufsausbildung stehen kann. Illustriert ist mit der Aufzählung zugleich das breite Spektrum möglicher Maßnahmen, die helfen können, den demografischen Wandel betrieblich zu bewältigen.

Bei der Paritätischen Akademie in Wuppertal, einer anerkannten Einrichtung der beruflichen Weiterbildung für die Sozialwirtschaft, war das Erreichen des Renteneintrittsalters gleich mehrerer Beschäftigter Anlass, sich an die Initiative zu wenden. Geschäftsführer Oliver Baiocco: „Wenn in einem Funktionsbereich drei von sechs Beschäftigten fast gleichzeitig in Rente gehen, ist das ein gravierender Einschnitt im Personalbestand.“ Um den damit verbundenen Verlust an Erfahrungswissen zu kompensieren, hat das Unternehmen unter anderem Mentoringprogramme eingerichtet, in denen ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Jüngeren einarbeiten und an ihrem Erfahrungswissen teilhaben lassen. Auch in der Paritätischen Akademie waren die Beschäftigten an der Neugestaltung beteiligt. Teamleiter Stefan Rieker: „Wir wollten wissen, welche Vorstellungen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Deshalb haben wir sie ganz konkret gefragt: Und welche Vorschläge hast Du? Denn: Ohne Beteiligung der Beschäftigten funktionieren Veränderungsprozesse einfach nicht optimal.“

Differenziertes Informations- und Beratungsangebot

Jederzeit professionelle Unterstützung fanden die ausgezeichneten Unternehmen bei der „Servicestelle Demografie aktiv“, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Gesellschaft für Organisationsentwicklung und Mediengestaltung mbH (GOM) und der Technologieberatungsstelle beim DGB NRW e.V. (TBS). Deren Informations- und Beratungsangebot richtet sich gleichermaßen an Beraterinnen und Berater wie an Personalverantwortliche und betriebliche Interessenvertretungen, reicht von kostenlosen Informationsgesprächen in den Betrieben bis hin zu konkreten Handlungsoptionen.

In Düsseldorf lieferten Dr. Helga Unger (GOM) und Dr. Urs Peter Ruf (TBS) einen Kurz-Überblick über das „Management-Instrument Demografie aktiv“, einen Leitfaden zur Umsetzung eines praxisgerechten Demografie-Prozesses, sowie über den „Quick-Check“, mit dem Unternehmen in wenigen Minuten überprüfen können, ob sich in ihrem Betrieb Handlungsbedarf aus den Auswirkungen des demografischen Wandels ergibt. Zugleich wiesen sie darauf hin, dass Unternehmen zur Durchführung des Verfahrens auch eine vom Land NRW geförderte Potentialberatung in Anspruch nehmen können, aber auch darauf, dass eine Durchführung unabhängig vom „Siegel“ erfolgen kann.

Bei seiner Arbeit im Rahmen der Servicestelle ist Dr. Urs Peter Ruf von der TBS eine charakteristische Veränderung in den Anfragen an die Servicestelle aufgefallen: „Heute wenden sich immer mehr Unternehmen an die Servicestelle, die mit den Arbeitsmaterialien der Initiative eigenständig einen Demografie-Prozess gestaltet haben und nun das Siegel beantragen möchten. Daraus lässt sich schließen, dass der demografische Wandel in den Unternehmen angekommen ist und diese eigenständig aktiv werden.“

Bundesweit einzigartig

Ein weiterer Grund könnte indes die Überzeugungsarbeit der drei an der bundesweit einzigartigen Initiative beteiligten Träger sein, deren Vertreter in Düsseldorf den ausgezeichneten Unternehmen die Siegel überreichten, darunter Dr. Wilhelm Schäffer, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales. Er hielt es für unerlässlich, „von Vorträgen über den demografischen Wandel in Sonntagabendveranstaltungen endlich zur Aktion zu kommen“. Hätten Betriebe vor gar nicht so langer Zeit die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel mit der Einstellung „nicht so früh, nicht bei mir“ vor sich hergeschoben, spürten sie heute offensichtlich, „dass der demografische Wandel zur betrieblichen Herausforderung wird, dass der Problemdruck auch bei kleinen und mittleren Unternehmen steigt.“ Zukünftig, so der Staatssekretär, komme es darauf an, im Rahmen der Initiative mit den Sozialversicherungsträgern zu kooperieren, Idee und Ansatz der Initiative auch „strukturell zu verankern“, alle unter dem Begriff „Arbeiten 4.0“ subsumierten Themen mitzudenken und hinsichtlich der Schwerpunktsetzung stärker noch als bisher zwischen unterschiedlichen Betriebsgrößen und Branchen zu differenzieren.

Die ausgezeichneten Betriebe können  eine Inspirationsquelle für Unternehmen sein.

Dass es „unterschiedliche Wege zum Erfolg“ und „unterschiedliche Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels“ gibt, dem stimmte Horst-Werner Maier-Hunke, selbst Unternehmer und zugleich Präsident der Landesvereinigung der Unternehmensverbände NRW, vorbehaltlos zu. Seine Institution forciert mit ihrer Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit die Beschäftigung der Betriebe mit dem Thema ganz gezielt, denn Horst-Werner Maier-Hunke weiß: „In spätestens drei, vier Jahren wird das grundlegende Problem für fast alle Unternehmen signifikant“.

Das ist einer der Gründe, warum sich auch der DGB im Interesse der Beschäftigten weiter an der Initiative beteiligen will. Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Nordrhein-Westfalen, betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der betrieblichen Ebene und damit die der Betriebsräte. Für seine Ansicht nannte er ein überzeugendes Beispiel: „Ohne qualifizierte und sensibilisierte Führungskräfte können wir unser Ziel, die Betriebe und ihre Beschäftigten fit zu machen für den demografischen Wandel, nicht erreichen. Doch die Wertschätzung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Grundvoraussetzung für die Schaffung von guter Arbeit im demografischen Wandel, können wir nicht im Tarifvertrag regeln. Dafür zu sorgen ist Aufgabe der Betriebe, der Betriebsräte und der Beschäftigten vor Ort.“

Einig waren sich die Träger der Initiative „Demografie aktiv“ vor allem darin: Die ausgezeichneten Betriebe können Inspirationsquelle für alle Unternehmen sein, die vor den gleichen oder ähnlichen Herausforderungen stehen - faktisch also Inspirationsquelle für alle.

Die Siegelträger 2015:

  • VIA Verein für integrative Arbeit, Bochum
  • Paritätische Akademie LV NRW e. V., Wuppertal
  • Bleistahl Produktions-GmbH & Co. KG, Wetter
  • Dextro Energy GmbH & Co.KG, Krefeld
  • Herrmann  & Co GmbH, Rheda-Wiedenbrück
  • Merten by Schneider Electric, Wiel
  • Metallwerke Renner GmbH, Ahlen
  • Regionalagentur Köln, Köln
  • Demgen Werkzeugbau GmbH, Schwerte

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