Aufbruch in die Arbeitswelt. Chance Zukunft in der Praxis

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 18. Dezember 2016
Foto: Ein junger Mann und eine junge Frau unterhalten sich im Beratungsbully

Mit Kletterseil und Staplerschein – Zukunft ermöglichen durch individuelle Unterstützung und Beratung

Das ESF-geförderte Modellprojekt unterstützt langzeitarbeitslose junge Menschen und kombiniert persönliche und berufliche Förderung. Gute Praxis am Beispiel des Berufsbildungswerks Niederrhein und des Berufsbildungswerks Volmarstein

Gegen Scheitern helfen Mut und konkrete Erfolgserlebnisse. Das Modellprojekt "Chance Zukunft" vermittelt genau dieses und geht neue Wege, um arbeitsmarktferne junge Menschen in Schule, Ausbildung oder Arbeit (zurück)zubringen. Die Berufsbildungswerke Niederrhein und Volmarstein beteiligen sich mit individuellen Förder- und Beratungsangeboten. Kletterseil und Staplerschein gehören ebenso dazu wie aufsuchende Sozialarbeit.

Modellprojekt "Chance Zukunft"– Umsetzung durch Trägerverbund der Berufsbildungswerke in NRW

Das Modellprojekt "Chance Zukunft" wird im Trägerverbund der zehn Berufsbildungswerke in NRW und in Kooperation mit 28 Jobcentern in NRW umgesetzt. Mit dabei sind das CJD-Berufsbildungswerk Niederrhein in Moers und das Berufsbildungswerk der Evangelischen Stiftung Volmarstein in Wetter.

Die Berufsbildungswerke bieten im Rahmen des ESF-geförderten Modellprojekts ein kompaktes Beratungs- und Unterstützungsangebot an, das den einzelnen Teilnehmer, die einzelne Teilnehmerin in den Mittelpunkt stellt. Die Verbindung von persönlicher Unterstützung und Coaching, beruflich-schulischer Orientierung und niedrigschwelliger aufsuchender Sozialarbeit erweist sich dabei als wirkungsvoll. Die Teilnehmenden, von vielen Erfahrungen des Scheiterns häufig entmutigt und für Regelangebote der Jobcenter nicht mehr erreichbar, gewinnen neues Selbstvertrauen und beginnen - mit fachlicher Begleitung - ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Für die jungen Menschen, die in der Regel zwischen 18 und 30 Jahre alt sind, ein wichtiger Schritt hin zu gesellschaftlicher und beruflicher Teilhabe.

CJD-Berufsbildungswerk Niederrhein: „Das Projekt ist bei unseren Teilnehmenden sehr beliebt. Wir können nicht nur individuell, sondern auch sehr kreativ arbeiten“

Das CJD-Berufsbildungswerk Niederrhein stellt im Rahmen des Modellprojekts insgesamt 32 Teilnahmeplätze bereit und arbeitet mit den Jobcentern der Kreise Kleve und Wesel sowie der Stadt Krefeld zusammen. Die jungen Menschen, alle im SGB II-Bezug, werden von den Berufsbildungswerken in enger Zusammenarbeit mit den Jobcentern ausgewählt und bleiben im Projekt, bis ein Anschluss gefunden ist, maximal bis zu 24 Monaten.

„Das Modellprojekt ist bei den Teilnehmenden sehr beliebt und die Fluktuation ist vergleichsweise gering. Wir haben sogar schon eine lange Warteliste“, beschreibt Projektleiterin Katrin Geurds die positive Resonanz.

Den Erfolg machen ihrer Meinung nach mehrere Faktoren aus: „Besonders wichtig ist der Beziehungsaufbau zwischen BBW-Begleitung und der Teilnehmerin / dem Teilnehmer. Über diesen individuellen Ansatz können wir die Teilnehmenden gut erreichen und sehr kreativ arbeiten, um sie wieder an Regelsysteme, wie z.B. Schulabschluss, Freiwilligenjahr, Ausbildung oder Beschäftigung in Form von Praktikum oder Minijob, heranzuführen.“ „Türöffner“ im Zugang zu Teilnehmenden ist zunächst häufig die Schuldenberatung, da ein Großteil der Teilnehmenden nennenswert verschuldet ist. Insbesondere aber erlebnispädagogische Angebote sind ein wichtiger Bestandteil im Rahmen des Modellprojekts.

"Die Teilnehmenden erwarten von sich selber, dass sie erfolglos sind. Unsere Aufgabe ist es, sie aus dieser resignativen Haltung herauszuholen und sie wieder entscheidungsfähig zu machen. Wir wollen nicht nur stabilisieren, sondern motivieren, die individuellen Stärken zu entwickeln."

Der Besuch einer Kletterhalle, Fußballspielen, oder Kanufahren holen die Teilnehmenden aus der sozialen Isolierung heraus und verschaffen ihnen erste kleine Erfolgserlebnisse und neues Selbstvertrauen. „Die Teilnehmenden erwarten von sich selber, dass sie erfolglos sind. Unsere Aufgabe ist es, sie aus dieser resignativen Haltung herauszuholen und sie wieder entscheidungsfähig zu machen. In diesem Sinne wollen wir die Teilnehmenden nicht nur stabilisieren, sondern sie motivieren, ihre individuellen Kompetenzen und Stärken zu erkennen und zu entwickeln“, so Projektleiterin Katrin Geurds.

Mit dem Angebot, z.B. den Staplerschein zu erwerben, gibt es konkrete Unterstützung bei der beruflichen Förderung. Die ganztägige Schulungsreihe und anschließende theoretische und praktische Prüfung haben immerhin fast alle Teilnehmenden, die sich angemeldet hatten, erfolgreich absolvieren können. Nicht nur die ganz neue Erfahrung, einen Gabelstapler zu fahren, auch das abschließende Prüfungsergebnis war für die langzeitarbeitslosen jungen Menschen ein besonderes, Mut machendes Erfolgserlebnis.

Für die aufsuchende Sozialarbeit stehen dem Projektteam beim CJD-Berufsbildungswerk drei Beratungsbullys zur Verfügung. In dem weitläufigen Einzugsgebiet der Kreise Kleve und Wesel erleichtert das die Mobilität und den Zugang zu den Teilnehmenden erheblich. „Dadurch können wir unseren Teilnehmenden lange Anfahrtswege ersparen. Zugleich ist der Beratungsbully ein neutraler und geschützter Rahmen, in dem wir vieles klären und in aller Ruhe auch mal ein Bewerbungsschreiben fertigstellen können“, berichtet Projetleiterin Katrin Geurds.

Berufsbildungswerk Volmarstein: „Wir müssen das Vertrauen gewinnen und die Teilnehmenden motivieren, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

Das Berufsbildungswerk Volmarstein setzt das Modellprojekt "Chance Zukunft" in Zusammenarbeit mit den Jobcentern des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Stadt Wuppertal um und stellt insgesamt 20 Teilnahmeplätze bereit. Individuelle Unterstützungsarbeit, erlebnispädagogische Angebote und aufsuchende Sozialarbeit spielen auch hier eine wesentliche Rolle, um die Teilnehmenden zu erreichen und Wege in Gesellschaft und Arbeitswelt (wieder) zu öffnen.

„Die Biografien unserer Teilnehmenden sind ganz verschieden. Aufgrund der teilweisen langen Arbeitslosigkeit kennen sie häufig keinen Tagesablauf mit Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit. Bis auf Gelegenheitsjobs haben sie kaum berufliche Vorkenntnisse, zusätzlich haben viele im privaten Bereich gravierende Negativerlebnisse. Und zu Maßnahmen der Jobcenter gehen sie längst nicht mehr“, beschreibt Roland Kompalka, Projektleiter beim Berufsbildungswerk Volmarstein, die in der Regel schwierige Ausgangs- und Lebenssituation der Teilnehmenden.

In der ersten Phase sei daher viel Beziehungsarbeit zu leisten und das Vertrauen der Teilnehmenden zu gewinnen. Erlebnispädagogische, sportliche Angebote wie Schwimmengehen oder Training in der Kletterhalle seien dabei gute Möglichkeiten, Motivation zu wecken, Tagesstrukturen aufzubauen und soziale Vereinsamung zu durchbrechen.

„Anders als bei Jocenter-Maßnahmen können wir sehr individuell arbeiten und auch bei belastenden persönlichen Problemen unterstützen. Ich denke, die meisten unserer Leute werden ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen."

„Anders als bei Jobcenter-Maßnahmen, die in der Regel als Gruppenaktivität durchgeführt werden, können wir sehr individuell arbeiten und auch bei belastenden persönlichen Problemen unterstützen, etwa bei der Wohnungssuche oder beim Arztbesuch. Auf Wunsch müssen die Teilnehmenden auch nicht zu uns in Berufsbildungswerk kommen, sondern wir besuchen sie zu Hause oder gehen zum Gespräch gemeinsam ins Café“, so Roland Kompalka zur Arbeitsweise. Hilfreich sei zudem, dass das Berufsbildungswerk Volmarstein über ein eigenes vielseitiges Angebot verfüge, um beispielsweise Praktika oder Ausbildung in unterschiedlichen Berufsbereichen zu ermöglichen oder kurzfristige psychologische Betreuung bereit zu stellen.

Was die Zukunft der Teilnehmenden angeht, ist er optimistisch: „Ich denke, etwa 70 bis 80 Prozent unserer Leute werden ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen. Bei den Jüngeren geht vermehrt darum, einen Schulabschluss nachzuholen oder sich im Praktikum zu erproben. Bei den Älteren steht im Mittelpunkt, beruflich Fuß zu fassen. Das kann eine Ausbildung sein, aber auch eine Tätigkeit im Minijob ist ein echter Erfolg.“

Kooperation mit dem Jobcenter – „Eine gute Sache für die Jüngeren, die noch 30, 40 Berufsjahre vor sich haben“

Das Modellprojekt wird in Kooperation und mit finanzieller Unterstützung der Jobcenter umgesetzt. Heiner Dürwald, Leiter des Jobcenters Ennepe-Ruhr-Kreis, schätzt die Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungswerk Volmarstein und ist von der besonderen Qualität überzeugt: „Das Modellprojekt bietet durch den hohen Anteil von sozialpädagogischer und psychologischer Begleitung die reale Chance, diejenigen Personen zu erreichen, die für uns als Jobcenter in der täglichen Arbeit verloren waren. Wir sehen, dass das tatsächlich gelingt, und das macht das Besondere dieses Modellprojekts aus.“

„Grundsätzlich sinnvoll und wünschenswert“ findet der Leiter des Jobcenters es daher, das Projekt als Regelangebot aufzunehmen. „Das ist vor allem mit Blick auf die Jüngeren, die noch 30, 40 Berufsjahre vor sich haben und Gefahr laufen, unbefristet in Sozialhilfe hängen zu bleiben, eine gute Sache.“

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